Geschlechterrollen, der Alltag und wir – einige Notizen

Das Kind ist nun fast drei und wird von allen Seiten als Mädchen gelesen. Auch selbst bezeichnet es sich immer häufiger als eines. Ich versuche Geschlechterstereotpye ihr gegenüber in Frage zu stellen und gemeinsam zu thematisieren. Dabei merke ich, wie sehr sie dieses kleine Wesen bereits geprägt haben und laufend prägen.

3793960703_648b5f435b_zIn unserem Hof gibt es einen Spielplatz auf dem sich Kinder verschiedensten Alters treffen. Ein ca. 7 Jahre altes Kind fragt mich: “Will W. ein Bub sein?”- “Warum?” – “Weil sie so angezogen ist wie ein Bub. Du sollst ihr buntere  Sachen anziehen, damit sie aussieht wie ein Mädchen.”

Wenn wir Kinderbücher lesen/anschauen, spreche ich mal von Feuerwehrmenschen oder auch von Feuerwehrfrauen, jedenfalls hat W. vor kurzem angefangen mich zu korrigieren. Sie sagt dann: “Nein, das ist kein Feuerwehrmensch, das ist ein Feuerwehrmann.” Auch wenn sie sich verkleidet, besteht sie darauf ein Feuerwehrmann zu sein.

Bei einem Eltern-Kind-Picknick der Kinderkrippe unterhalte ich mich mit anderen Müttern. Eine Mutter sagt: “Ich bin so froh, dass W. nicht so eine Tussi ist. Sie kann super mithalten mit den Jungs.” Mädchen werden schon früh aufgewertet, wenn sie so sind “wie die Jungs”, die Abwertung umgekehrt funktioniert bestimmt ebenso früh.

Andere Menschen, die wir nicht kennen, bezeichne ich ihr gegenüber als Menschen oder als Kinder. Am Spielplatz sage ich: “Schau, das andere Kind möchte auch einmal schaukeln.” Meistens spricht sie dann auch von den anderen Kindern. Für sie gibt es also Menschen oder Kinder – ich weiß nicht ob ich diese Unterscheidung für eine geglückte halten soll.

Nun habe ich den Eindruck, dass es auch für sie immer wichtiger wird Geschlechtszuschreibungen zu unterscheiden. Sie fragt mich: “Was macht das Mädchen da.” Oder sie sagt: “Der F. ist ein Bub und ich bin auch ein Bub.”

Ich bin unschlüssig wie ich damit umgehen soll. Ich will ihr vermitteln, dass sogenannte Geschlechterrollen keine Bedeutung haben sollten und dass wir sie überwinden müssen. Aber tatsächlich ist es ja nicht so, oder noch nicht so. Ihr stehen eben nicht alle Wege offen und es spielt eine ziemlich große Rolle welchem Geschlecht sie zugeordnet wird. Ich habe den Eindruck, wenn ich weiterhin so tue, als ob es “egal” wäre welches Geschlecht die Gesellschaft für einen Menschen vorsieht, dann besetzen die verschiedenen anderen Umfelder (Kindergarten, andere Verwandte, Medien,…) das Thema und ihr Verständnis wird ausschließlich davon geprägt. Das möchte ich auch nicht.

Sollte ich also anfangen zu sagen “Du bist ein Mädchen und das bedeutet das und das”. Aber was bedeutet es denn? Und wollte ich nicht genau davon weg?

Foto (c): flickr/shlomi fish CC BY 2.0

Ein Vater ist ein Vater und eine Mutter ist eine Mutter

Auf science.orf.at erschien diese Woche ein Interview, über das ich mich hier kurz auslassen möchte. Aaron Salzer hat die Entwicklungspsychologin Barbara Supper interviewt, die in einem Forschungsprojekt unter anderem der Frage nachgeht, was einen guten Papa ausmacht. Beim Lesen habe ich mir mehrmals die Frage gestellt, wie absurd die Fragen und Antworten nicht ohnehin sind und wie lächerlich sie wären, würde eins “Vater” gegen “Mutter” im Text austauschen. Ich mache das mal zur Veranschaulichung für die letzte Frage des Interviews:

Nach dem aktuellen Wissenstand, was macht einen guten Papa aus?

Es ist nicht relevant, ob ein Vater täglich Zeit mit seinem Kind verbringt. Es ist viel wichtiger, auf welche Art und Weise die Interaktion verläuft. Es zählt die Qualität der Beziehung: Wenn ein Vater Zeit mit seinem Kind verbringt, dann sollte er ein toller Spielpartner sein, der sich auf das Kind einstellt und mit dem Kind etwas unternimmt. Wesentlich ist: wenn er da ist, dann ist er in seiner Rolle.

[Nach dem aktuellen Wissensstand, was macht eine gute Mutter aus?

Es ist nicht relevant, ob eine Mutter täglich Zeit mit ihrem Kind verbringt. Es ist viel wichtiger auf welche Art und Weise die Interaktion verläuft. Es zählt die Qualität der Beziehung: Wenn eine Mutter Zeit mit ihrem Kind verbringt, dann sollte sie eine tolle Spielpartnerin sein, die sich auf das Kind einstellt und mit dem Kind etwas unternimmt. Wesentlich ist: wenn sie da ist, dann ist sie in ihrer Rolle.]

Aber wir wissen ja, ein Vater ist ein Vater und ein Spielpartner und eine Mutter ist eine Mutter und keine Spielpartnerin. Ich werde versuchen daran zu denken, wenn ich das nächste Mal Zeit mit dem Kind verbringe.

Einige Hörempfehlungen

Die Sendereihe genderfrequenz von Radio Helsinki (freies Radio Graz) beschäftigte sich im Juli 2013 in ihrer Sendung “Mein Bauch gehört mir!” mit dem Thema Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch in Österreich.

genderfrequenz

In der Sendungsankündigung heißt es:

Der weibliche Körper wird vor allem als Reproduktionskörper Objekt von gesellschaftlicher, medizinischer und somit staatlicher Kontrolle -  und darum geht es in der heutigen Ausgabe der genderfrequenz:

  •  Karin hat mit drei Frauen über ihre Erfahrungen als Schwangere gesprochen,
  • Dani hat sich die Geschichte des Mutter-Kind-Passes und die vorgeschriebenen Schwangerschafts-Untersuchungen näher angeschaut,   
  • Marlies berichtet euch von den rechtlichen Bestimmungen bezüglich Schwangerschaftsabbruch in Österreich,
  • und Simone behandelt das Thema Frauen mit Behinderung(en) und Schwangerschaft.

Bild (c) genderfrequenz

anarchistelfliegeEpisode 77 des Podcasts “Die urbane Spinnstube” von Anarchistelfliege hatte neben Strick- und Spinnthemen Muttersein und Feminismus zum Schwerpunkt. Zu Gast war Maria von memyselfandchild. Gesprochen haben die beiden über ganz viele Themen zum Beispiel über den Druck auf Frauen* Kinder zu bekommen, dem gesellschaftlichen Wert von Kinderbetreuung und Hausarbeit, Intersektionalität (Kritisches Weißsein und Feminismus) oder darüber, dass Alleinerziehende (double parent) nicht als Bedürftige und Zu-Rettende dargestellt werden sollten. Aber hört selbst!

Bild (c) Anarchistelfliege

Die Mädchenmannschaft veröffentlichte kürzlich ihren Winterpodcast “Reproduktive Rechte im Kontext“. Darin gehen accalmie, Anna-Sarah, Charlott und Nadia den  Fragen nach: Für wen sind die “Pille danach” oder Abtreibung relevante Themen? Nicht nur Frauen können schwanger werden, und nicht für alle Frauen ist schwanger werden können ein großes Thema – aus verschiedenen Gründen. An welche Personen werden überhaupt Anrufungen “eine Familie zu gründen” gerichtet? Wem wird es eigentlich verunmöglicht?

Ebenfalls sehr hörenswert ist der Podcast heiter scheitern. In Folge 54 zieht das queere Dreichen Resümee über 4 Jahre Elternsein und das Leben als Pflegefamilie. Sie sprechen über jahrelange Erschöpfungszustände und wie sie sich vermeiden lassen und darüber “wie das System™ es verunmöglicht, eine richtige™ Familie™ zu werden.”

Pflegefreistellung – ein kurzer Rant

Es gibt auf diesem Arbeitsmarkt überraschenderweise ein paar Zugeständnisse an die “Nicht-Alleinverdiener” (bewusst nur die männliche Form). An die, die keine Person zur Seite haben, die sich um alles “drumherum” kümmert. Also an die, die eigentlich nicht zu denen gehören, für die dieser Arbeitsmarkt gemacht ist.

Zum Beispiel an Frauen, die “ausfallen”, weil sie bei einem kranken Kind zu Hause sein müssen. Denen wird (in sehr reglementierter und kontrollierter Form) eine Pflegefreistellung zugestanden. Ich würde gerne die Statistiken nach Geschlecht sehen, habe sie aber auf die Schnelle nicht gefunden. Ich wage aber zu behaupten, dass es mehrheitlich Frauen sind, die pflegefreigestellt werden.

Wir, der Vater des Kindes und ich, versuchen das mit der Pflegefreistellung so gut es geht abzuwechseln. Diesmal bin ich dran. Zum ersten Mal eigentlich. Das Kind ist zum Glück selten krank.

Mein Arbeitgeber verlangt eine ärztliche Bestätigung für diese Pflegefreistellung. Das Kind hat leichtes Fieber und Husten. Eine Angelegenheit für die ich nicht zur Ärztin gehen würde, mit der es aber nicht in die Krippe kann.

Ich versuche von unserer praktischen Ärztin die verlangte Bestätigung zu bekommen. Kind einpacken, hingehen, fragen (am Telefon ist niemand zu erreichen). Ergebnis: geht nicht, stellt sie erst für Kinder ab 3 Jahren aus. Wir müssen zur Kinderärztin. Anruf dort: Bestätigung kriegt eine gegen Bezahlung schon, aber nur wenn die Ärztin das Kind gesehen hat. Sie dürfe das nicht mehr “so” ausstellen, denn die Krankenkasse würde das immer strenger kontrollieren.

Misstrauensvorschuss auf allen Ebenen (vom Arbeitgeber, der Ärztin, der Krankenkasse). Ja, ich mache mir mit dem eh nicht kranken Kind, in Wahrheit einen Lenz zu Hause. Ich will nämlich gar nicht (erwerbs)arbeiten, sondern alle nur ausnehmen und das Sozialsystem sowieso.

Die Kinderärztin kann sich das Kind heute nicht mehr ansehen (kein freier Termin), sondern frühestens morgen. Ausgestellt wird die Bestätigung aber erst ab dem Datum an dem das Kind untersucht und für krank befunden wurde, also auch frühestens ab morgen. Ich könne ja versuchen, eine andere Kinderärztin zu finden, die es heute noch drannimmt (hahaha, abgesehen davon, dass ich ein krankes Kind zu betreuen habe und nicht den halben Tag am Telefon hängen kann, bin ich schon zu früheren Zeitpunkten daran gescheitert, mal eben am selben Tag einen Termin bei einer Kinderärztin, die uns noch nie gesehen hat, zu bekommen).

Kurz gesagt, ich war heute “unbestätigt” bei meinem Kind zu Hause. Wenn mein Arbeitergeber findet, dass sei unentschuldigtes Fehlen, kann er mich dafür entlassen.

umstandslos. magazin für feministische mutterschaft

Ein Internetort, an dem feministische Mutter*schaft in ihren verschiedenen Facetten diskutiert wird und an dem viele Menschen gemeinsam arbeiten? Von so einem Projekt habe ich schon länger geträumt. Wie erfreulich, dass es Menschen gibt, die dieses Vorhaben konkret in die Hand genommen haben und viele tolle Mitschreiberinnen* zusammengetrommelt haben: Gestern war es also soweit: umstandslos. magazin für feministische mutterschaft ging online! Gegründet von AufZehenspitzen-Bloggerin Connie und Catherine, der Schreiberin von Catzenkind, freue ich mich Teil des Redaktions- und Autorinnenteams zu sein.

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Ziel des “umstandslos”-Magazins ist eine Vernetzung feministischer Mütter*. Darüber hinaus sollen die Belange feministischer Mütter nach außen getragen, sichtbar gemacht und besser wahrnehmbar werden. Das “umstandslos”-Magazin möchte ein möglichst breites Spektrum feministischer Mutterschaft darbieten.

* unter “Mütter” verstehen wir alle Menschen, die sich selbst als solche definieren – biologische Mütter, verhinderte Mütter, Adoptivmütter, Einzelkind-Mütter, Pflegemütter, hetero Mütter, queere Mütter, Nicht-Mütter, Trans/Inter-Mütter, Mehrfache-Mütter, alleinerziehende Mütter, kinderlose Mütter, männliche Mütter, ungewollte Mütter, …

wie jetzt

Illustration. (c) herzfein für umstandslos

Zu meinem ersten umstandslos-Beitrag in der Rubrik Wie jetzt? mit dem Titel Du nicht. Nur die Mama. wird auch schon vielversprechend kommentiert, was ich besonders schön finde.

Mein Sohn soll irgendwann deine Tochter heiraten

Eine der Geschichten aus dem Alltag mit Kind, die mich sprachlos zurücklassen:

Meine Tochter (2) besucht eine Kinderkrippe. In ihrer Gruppe sind insgesamt 14 Kinder, nur 2 davon Mädchen. Wobei das nicht unbedingt etwas zu folgender Geschichte beiträgt. Wenn ich das Kind zur Krippe bringe oder abhole treffe ich andere Eltern mit ihren Kindern.

Dabei meinte eine andere Mutter neulich. “W. [meine Tochter] ist so süß. Also wenn P. [ihr Sohn] sie später einmal heiraten möchte, ich hätte nichts dagegen.”

Aha? Was geht denn hier ab? Leider bin ich nicht in der Lage darauf zu reagieren. Lächle nur freundlich und bleibe sprachlos.

Einige Tage später treffen wir dieses Mutter-Sohn-Duo wieder. Diesmal sagt die Mutter: “Na P., wie gefällt dir W.? Findest du sie auch süß? Also wenn du sie später einmal heiraten möchtest, meinen Segen hast du.”

Wo soll ich anfangen? Hat es einen Sinn mit ihr darüber zu sprechen? Ich bleibe wieder sprachlos.

Wieder einige Wochen später plaudere ich am Heimweg mit einer anderen Kindergartenmutter. Ihr Sohn und meine Tochter sind ebenfalls dabei. Die andere Frau sagt: “Also M. [ihr Sohn] versteht sich so gut mit W. Ich denke da hat P. gar keine Chancen.”

Hat das System? Ist das die Art und Weise wie hier Eltern über Kinder sprechen?

Gestern waren wir am Spielplatz und haben einige andere Kinder getroffen, die wir kannten. Ausschließlich Buben. Die Kinder haben mehr oder weniger miteinander gespielt. Wie das eben so abläuft unter Zweijährigen. Und wieder hat sich eine Mutter zu einer Bemerkung dieser Art hinreißen lassen:

“Na, W. hat aber schon viele Verehrer.”

Die Nachbarin mit der ich im Anschluss darüber gesprochen habe, findet dass Menschen nun einmal so reden. Sie haben das selbst in ihrer Kindheit so gehört und plappern es nur nach. Ich soll das nicht so ernst nehmen.

Ich nehme alles ernst was Sprache betrifft. Vor allem wenn ich der Meinung bin, dass diese Sprache eine Welt konstruiert, die ich weder für mich noch für mein Kind haben will.

Hier wird Hetero- und Paarnormativität konstruiert. Es wird schon den Kleinsten (auch wenn sie es nicht direkt verstehen) vermittelt, dass Heterosexualität die ideale Lebensform ist. Dass Mädchen süß sind und es als erstrebenswert gilt später ein süßes Mädchen zu heiraten. Mädchen werden als Objekte dargestellt (sie werden geheiratet). Eigenes Handeln scheint für sie nicht vorgesehen. Mädchen sind anders. Mit ihnen ist man nicht befreundet oder spielt mit ihnen. Man verehrt sie oder heiratet sie. Spätestens in zwei Jahren werden uns die Kinder erklären, dass das so ist.