Mein Busen gehört mir?! Zur Politik der Muttermilch

Stillen ist vielleicht nicht das Thema Nummer eins in der Schwangerschaft und dennoch begegnet es mir seit Monaten immer wieder. Vor allem verpackt im omnipräsenten Verhaltensimperativ des „Stillen-Müssens“ und ich stelle mir die Frage, ob und wie frau eine selbstbestimmte Entscheidung, für oder gegen das Stillen treffen kann. Also eigentlich stelle ich mir die Frage, ob es möglich ist sich gegen das Stillen zu entscheiden und dafür Unterstützung zu finden. Zuspruch und Unterstützung fürs Stillen gibt es ja ohnehin von allen Seiten. Oder?

Die Schulmedizin betont beim Stillen vor allem die Vorteile für das Baby und bringt immer wieder Studien hervor, die Allergievermeidung, Ernährungsvorteile und weitere positive Effekte für die Gesundheit des Kindes belegen. Auch die internationalen Stillempfehlungen der WHO (6-monatiges, ausschließliches Stillen) orientieren sich daran, ebenso die Stillempfehlungen der Österreichischen Stillkommission (am besten sei Stillen bis zum 2. Lebensjahr des Kindes).

Mit der Unterzeichnung des Stillkodex der WHA hat sich Österreich dazu verpflichtet, die Werbung für Säuglingsnahrung (die dann auch nur noch „Muttermilchersatzprodukt“ genannt werden darf) zu reglemtieren. Hersteller werden darin dazu verpflichtet, den Aufdruck „Stillen ist das Beste für ihr Baby“ auf allen ihren Produkten zu verwenden.

Außerdem lauert an allen Ecken das Ideal der „stillenden Übermutter“, die offensichtlich von Mutter Natur dabei unterstützt wird ihr Kind besonders lange und ausdauernd zu stillen und dabei nichts als Freude empfindet. Ganz im Sinne der Schulmedizin und zusätzlich aufgefettet mit diesem „Natürlichkeitsparadigma“, das offenbar dem Zeitgeist entspricht. 

Stillunterstützung gibt es zudem von Stillberaterinnen (die zum Beispiel für die katholisch orientierte, internationale Organisation La Leche Liga oder auch in freier Praxis – ein besonders schönes Beispiel hinsichtlich „Natürlichkeit“ findet sich etwa hier – tätig sind). Außerdem gibt es stillfreundliche Krankenhäuser, mit den dazugehörigen „Stillschwestern“, Hebammen und Stillgruppen in denen sich stillende Mütter treffen und austauschen.

Soweit so gut. Ich finde es klarerweise positiv, wenn Frauen bei ihren Stillanliegen unterstützt werden. Und sollte ich mich für das Stillen entscheiden, werde ich diese Angebote gerne in Anspruch nehmen.

Trotzdem erscheint mir das alles etwas dick aufgetragen. Warum diese Überbetonung der ganz besonderen Fähigkeit des weiblichen Körpers ein Kind zu ernähren, was ein ganz besonderes Erlebnis und vor allem ein ganz „natürlicher“ Vorgang ist, der keiner Frau und auch keinem Kind vorenthalten werden soll darf und warum gibt es ein so großes Interesse daran dieses Ideal aufrechtzuerhalten?

Vielleicht finden sich in der Vergangenheit Antworten auf meine Fragen.

In den 1970er Jahren forderten Feministinnen mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir!“ ihr Recht auf Abtreibung. Die Forderung „Mein Busen gehört mir!“ war damals kein oder nur ein nebensächliches Thema. Weniger als 10% der Babys in den Industrienationen wurden länger als vier Wochen gestillt und daran schien sich auch niemand großartig zu stören. Im Gegenteil. Die Medizin war der Meinung, dass die Säuglingsnahrung der Muttermilch gleichzustellen, wenn nicht sogar vorzuziehen wäre. Hierin orteten Feministinnen (vor allem Anhängerinnen des Differenzfeminismus)  zusehends eine Abwertung und Disziplinierung der patriarchalen Medizin gegenüber dem weiblichen Körper.

Die Bewerbung und vermehrte Verbreitung der Säuglingsnahrung in den Ländern des Südens hatte zudem dazu geführt, dass auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen und Trinkwasserqualität, die Säulingssterblichkeitsrate anstieg. Daraufhin war auch die WHO daran interessiert das Stillen wieder populärer zu machen und die gesundheitlichen Vorteile zu unterstreichen.

Aber ist das wirklich alles? Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie das Stillen mit der Vorstellung des „equal parenting“ zu vereinen ist? Oder wer spricht offen mit mir über die Nachteile des Stillens und die Vorteile des Nichtstillens? Wer unterstützt mich in meinem Recht, mich gegen das Stillen zu entscheiden, ohne als Rabenmutter oder sonstige Versagerin gesehen zu werden?

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich stillen möchte oder nicht. Ich werde es einfach ausprobieren und dann vielleicht auch ganz toll finden. Oder mich möglicherweise zu den „stillunwilligen“ Müttern bekennen oder es klappt einfach nicht und nach Milchstaus, Brustentzündungen und dauernd verfügbar sein müssen, habe ich keine Lust mehr und freue mich, dass auch der Papa das Baby ernähren kann.

Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, entscheide nicht zu stillen, weiß ich schon jetzt, dass es ganz schwierig sein wird, Rückhalt dafür zu finden. Deshalb habe ich mich sozusagen präventiv mit mutmachendem Lesestoff „gerüstet“.

Hier finden sich unterstützende Links und Texte, die ich dann sicher (wieder) lesen werde:

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9 Gedanken zu “Mein Busen gehört mir?! Zur Politik der Muttermilch

  1. Hm. Ich denke mir grad, dass das Stillthema doch eigentlich ein bisschen arg hochgekocht wird. Bei mir ist das alles schon ein Weilchen her, so zehn, zwölf Jahre, und wenn ich so sehe, was sich da für ein rissiger Markt rund ums Stillen entwickelt hat….so was macht mich immer skeptisch. Vielleicht sollte man jegliche Info die einen Marketingbeigeschmack hat mal weg lassen. Also fast jede^^ Beim ersten Kind hats mich schier gegraust, zu stillen, aber ich habs halt mal probiert, so nach dem Motto „dann hab ich mir nichts vorzuwerfen“, und es war für mich und für das Kind so ganz prima. Und ging auch recht lange, etwa ein Jahr. Wenns mir am zweiten tag schon zu blöd geworden wäre, das ganze Arsenal an Flascherl usw. hatte ich vorsorglich mal im Schrank. Bei Kind II stellte sich die Frage „ob“ dann gar nicht, dafür war ich nach sechs Monaten der Sache leid, und ich hatte dann eine begeisterte, zufriedene und gesunde hauptberufliche Breichen-Esserin und Flaschentrinkerin.
    Letztenendes war das Stillen für mich eine tolle Sache, und ich glaube schon, dass etwas, was von Natur aus zum Funktionieren neigt, so ganz falsch nicht sein kann. Gute von schlechten Müttern/Frauen/Menschen zu unterscheiden anhand der Tatsache, ob gestillt wird oder nicht, das greift aber wohl ein bisschen kurz.

  2. Pingback: Weltstillwoche und Stillempfehlungen « fuckermothers

  3. Ich finde Stillen toll und praktisch. Mein erstes Kind stillte ich ungefähr ein Jahr. Das zweite ist jetzt 15 Monate und will immer noch gestillt werden. Und da fängt die andere Seite an: es fängt an, unangenehm zu werden. Nicht für mich und für mein Kind – aber die Öffentlichkeit findet es eben anormal bis abnormal. Aber ich stelle bei Kommentaren („Willst Du bis zur Schulanfang stillen?“) einfach auf Durchzug.

    Es wird also erwartet, dass man stillt – aber auch nicht zu lange 😉

  4. hey, ich bin erst jetzt auf deinen eintrag gestoßen, wuerd aber gern noch ein zwei worte anfuegen –

    ich bin gerade selbst dabei, mein zweites kind zu stillen und genieße es sehr… aber wie bei jeder laengerfristigen taetigkeit hat auch das stillen seine hochs und tiefs.

    jedenfalls hat mein partner eine weile als lagerist bei humana gearbeitet. ich kann dir hier keine unabhaengigen beweise liefern, sondern nur eine einzelne, persoenliche erfahrung: die hygienischen bedingungen bei der herstellung der babymilch waren erschreckend. wirklich, wirklich erschreckend. ob es bei den anderen herstellern aehnlich aussieht?
    waere vielleicht auch ein aspekt, ueber den man nachdenken sollte…

    und noch eine persoenliche erfahrung: die (unabhaengige!) stillberaterin, die ich kenne, unterstuetzt auch frauen, die mit flaeschchen fuettern. kann ja auch ne ziemliche herausforderung sein.

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