Zahlen, Daten, Fakten… Erfahrungen

Zufällig auf den Österreichischen Frauengesundheitsbericht gestoßen (Bundesministerium für Gesundheit, 2011) möchte ich euch die aktuellen Statistiken zu Schwangerschaft und Geburt nicht vorenthalten. Klar sind sie mit Vorsicht zu genießen. Am spannendsten ist ja oft, was überhaupt erhoben wird und welche Indikatoren als relevant erachtet werden. Hier eine kleine Auswahl:

Die „Lebendgebohrene Unehelichenquote“ (schönes Wort) lag in Österreich 2009 bei 39,3%.

Das „Fertilitätsalter der Mutter bei Erstgeburten“ betrug durchschnittlich 28 Jahre.

85,8% der Frauen bringen ihre Kinder im Kreisbett zur Welt. 64,3% der Mütter erleben eine Spontangeburt, 28,8% einen Kaiserschnitt. In den letzten 11 Jahren ist die Kaiserschnittrate in Österreich um mehr als 14% gestiegen.

Sind nicht alle gegen den Kaiserschnitt (so nehme ich das zumindest war)? Gebären im Liegen ist Schnee von gestern (ist nämlich gegen die Schwerkraft), wird mir zumindest dauernd erzählt.

Das Netzwerk Österreichischer Frauengesundheitszentren kommentiert diese Entwicklungen im Frauengesundheitsbericht (S. 254) so:

„Aus Sicht der Geburtsmedizin sind Schwangerschaft und Geburt zu Risiken geworden, die strenger und andauernder Überwachung bedürfen. So erleben sich werdende Mütter zusehends verunsichert und fremdbestimmt. Das natürliche Vertrauen in die eigene Kraft und das Vermögen, ein Kind zu gebären, verschwindet. Die Frauen geraten in das medizinisch-technisierte Routineprogramm von Blut- und Urinuntersuchungen, Ultraschall, Pränataldiagnostik, Medikamenten und medizinischen Interventionen wie Dammschnitt und Kaiserschnitt. Frauen einfacherer Bildungsschichten und Migrantinnen erhalten weniger geburtsvorbereitende Informationen und Kurse. Außerdem sehen sich Frauen heute mit unterschiedlichen Erwartungen und Ansprüchen konfrontiert: Sie sollen bis zum Mutterschutz berufstätig sein, gut vorbereitet zur Geburt kommen, ohne Schmerzmittel in wenigen Stunden gebären, den Partner dabei haben und kurz nach der Geburt Kind und Haushalt perfekt versorgen, außerdem ausgiebig stillen, attraktiv sein und ihre Berufstätigkeit nach wenigen Wochen weiterführen.“

Besonders negativ wird der „Wunschkaiserschnitt“ dargestellt. Angeblich werde er Frauen immer häufiger gegen ihren Willen „nahegelegt“ und sie würden nicht genügend über die Risiken aufgeklärt.

Das teile ich nicht, ein Wunschkaiserschnitt wurde mir noch nicht angeboten. Die anderen Punkte dieses Kommentars kommen mir schon eher bekannt vor.

Ich habe in den letzten Monaten gefühlte 100 Mal eine Urinprobe abgegeben. Ich habe mich ca. 3 Wochen lang gequält mit der Entscheidung für oder gegen Pränataldiagnostik. Bei der Entscheidung gegen die Nackenfaltenmessung musste ich einen Revers unterschreiben, nachdem mich eine Ärztin darüber aufgeklärt hat, dass man mit Hilfe der Nackenfaltenmessung möglicherweise nicht nur Trisomie 21, sondern auch einen Herzfehler erkennen könnte. Frei nach dem Motto, wollen sie jetzt noch immer nicht?

Ich und mein Partner haben ca. 10 mal zugeschaut, wie das Baby in meinem Bauch bei Ultraschalluntersuchungen vermessen (Kopf, Bauch, Oberschenkelknochen,…) und nach Standardtabellen beurteilt wurde. Jedes mal, wenn die Ärztin so etwas sagte, wie: „Na wo ist er denn der zweite Arm? Und was ist das?“  ist mir das Herz in die Hose gerutscht.

Ich wurde bei jeder Untersuchung gewogen und jedes Mal hat die Mitarbeiterin meinen Gewichtszustand mit den Worten: „Sie sind eh brav!“ kommentiert. Das Körperregime wirkt auch bei Schwangeren, oder besonders bei ihnen.

Was jetzt noch auf mich zukommt, kann ich schwer einschätzen. Ich habe mich nicht für eine Hausgeburt und auch nicht für ein Geburtshaus entschieden. Die Geburt wird in einem „stinknormalen“ Wiener Krankenhaus sein. Dennoch habe ich das Gefühl, dass das gut passt. Alle anderen Gedanken wären jetzt auch sinnlos.

Also abwarten und Tee trinken.

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6 Gedanken zu “Zahlen, Daten, Fakten… Erfahrungen

  1. ich habe hervorragende erfahrungen mit dem größten spital des landes gemacht.super diensthabende hebamme, super diensthabende ärztin.
    (wunsch) kaiserschnitt hat mir auch niemand jemals angeboten -ist so ein wunschkaiserschnitt doch das allerschlimmste, was frau heutzutage verlangen kann, wenn sie schwanger ist (die abstilltabletten nach der geburt jetzt mal ausgenommen 😉

  2. Das mit dem Kaiserschnitt und warum der so schlimm ist, habe ich noch nicht ganz verstanden… Geht es da um ein gesundheitliches Risiko?

    Und ich muss immer wieder schmunzeln über diverse Kommentare, von denen du berichtest… „Sie sind eh brav“ – klingt eher wie an eine Vorschülerin gerichtet… Da erlebst du ja Sachen 🙂

    • Der Kaiserschnitt wird halt von vielen als mehr oder weniger schwerwiegende Operation gesehen. Eine einmal aufgeschnittene Gebärmutter und Bauchdecke ist wohl wirklich nicht so fein, auch im Hinblick auf weitere Geburten. Dass die Rate so angestiegen ist und kontinuierlich steigt, liegt aber vermutlich auch daran, dass viele Eltern und ÄrztInnen Angst haben vor den möglicherweise auftretenden gesundheitlichen Schäden einer Spontangeburt für das Kind (verursacht durch Sauerstoffmangel etc.).
      Ja, so eine Schwangerschaft bringt ganz neue Aspekte des Lebens zum Vorschein 🙂 Ich glaub es ist an der Zeit bald auch mal über die positiven zu schreiben.

  3. oh, ein oesterreichischer feministischer muddiblog… 🙂

    ich finde ja einer schwangeren geburtsgeschichten erzaehlen total anmaßend, aber ich gebe jetzt trotzdem mal meinen subjektiven senf dazu, wenns schon eine kommentarfunktion gibt: mittlerweile bin ich der meinung, dass (u. a. aus feministischer perspektive) es kaum etwas zwischen hausgeburt und wunschkaiserschnitt gibt. klar gibt es „okaye“ (so eine hatte ich) krankenhausgeburten, aber ich hab mich so gefuehlt, als haett ich meine muendigkeit mit dem betreten des krankenhaus abgeben muessen. um meine selbstbestimmtheit zu bewahren, musste ich machtkaempfe mit mir ueberlegenen personen fuehren, etc, blablabla. mein liebster ratschlag: wenns finanziell geht: risiko minimieren und zumindest eine eigene hebamme mitnehmen, die hinter einer steht!

    am liebsten wuerd ich einen eigenen blog darueber schreiben, ich hab so stark das gefuehl, dass das immer unterschaetzt und kaum diskutiert wird.

    • hallo, danke für deinen kommentar! du beschreibst ziemlich genau meine ängste….für mich war ursprünglich auch klar, dass ich zumindest eine eigene hebamme brauche (eine hausgeburt traue ich mir nicht zu). ich fands dann aber sehr schwierig eine auszusuchen, dann habe ich mich im krankenhaus ums eck angemeldet und dort sind keine wahlhebammen möglich. ich hab mich aber von anfang an gut betreut gefühlt (und habe den eindruck, dass sie darauf eingehen, was ich will) und mich schließlich entschieden, diesen standardklinikgeburt-weg zu gehen. ich hoffe meine mündigkeit und selbstbestimmtheit kann mit in den kreissaal. bisher habe ich aber schon den eindruck. das thema ist auf jeden fall zu wenig diskutiert und unterschäzt – also ich würde mich sehr über einen blog darüber freuen 🙂 das einzige was ich bisher hilfreich dazu fand, ist ein kapitel in „Opting In“ von Amy Richards, mit dem Titel „real birth: dispelling the myth of the „right“ birth experience.“

      • ui, das buch steht bei mir, allerdings ungelesen, im regal herum. hab dann doch beschlossen alle ratgeber (konventionelle als auch unkonventionelle) zu meiden. 🙂 ich werds nachlesen.

        meine herangehensweise war dieselbe wie deine (bin noch dazu „erst“ in der 15 ssw nach oesterreich zurueckgekommen, da war der zug fuer die meisten anderen optionen eh schon abgefahren… mal abgesehen von finanziellen…) . mittlerweile bin ich zu einem ganz anderen schluss gekommen (s.o.). eine meiner neu dazugewonnen guilty pleasures ist das lesen von geburtsberichten und ich finde es einfach soo arg, was frauen sich im zusammenhang mit geburten gefallen lassen, als selbstverstaendlich hinnehmen, etc. tausendmilliarden aufschreie sollte/muesste es geben!

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