Was wirds denn? Zur Anrufung des sozialen Geschlechts

Im August 2011 ging die Geschichte eines kanadischen Paares durch die Medien, das sich dazu entschieden hatte, das Geschlecht ihres jüngsten Kindes nicht bekannt zu geben (auch österreichische Medien, z.B. die.standard.at berichteten).

Witterick und Stocker begründen ihre Entscheidung mit dem Recht des Kindes, sich irgendwann selbst für ein Geschlecht entscheiden zu können. Bis dahin soll Storm ohne geschlechtliche Rollenzuschreibungen leben. Die Familie will damit einen gelebten Beitrag zur Dekonstruktion der Geschlechter leisten.

Dass diese Vorgehensweise viel aufwändiger ist, als das „normale“ sich Anpassen, dürfte auch das Paar in Kanada zu spüren bekommen. In Österreich wäre diese Vorgehensweise mit mindestens genauso vielen Widerständen verbunden.

Spätestens beim Eintrag ins Geburtenregister, bei der Versicherungsmeldung, dem Antrag auf Familienbehilfe etc. wäre man mit dem Widerstand der Behörden konfrontiert. Man müsste das Kind nahezu ganz verheimlichen, um sein Geschlecht nicht bekannt geben zu müssen.

„Welche Konsequenzen eine Geschlechtsverheimlichung vor den Behörden hätte, ist unklar, denn dieser Fall sei noch nie eingetreten, meint dazu die Sprecherin der zuständigen Magistratsabteilung, Sabine Cizek, gegenüber dieStandard.at.“

Die Debatte über die Möglichkeit eines Menschen, seine geschlechtliche Identität frei wählen zu können bzw. zu dürfen, erinnert an die Debatte rund um die Theorien Judith Butlers, die sie in „Das Unbehagen der Geschlechter“ beschrieben hat und auf deren Kritik sie in „Körper von Gewicht“ reagiert hat.

Butler wurde vorgeworfen, „sie scheine zu glauben, die sexuelle Identität sei von einem denkenden Subjekt frei wählbar, indem es sich aus den Möglichkeiten performativer Geschlechts-Zuschreibungen bedient wie aus einem Kleiderschrank“ (Wikipedia).

Das kanadische Paar würde es vermutlich positiver formulieren, aber genau das scheinen sie ihrem Kind ermöglichen zu wollen.

Butler beschäftigt sich in „Körper von Gewicht“ auch mit der vorgeburtlichen Geschlechtszuschreibung eines Kindes. Sie versteht die Benennung „Es wird ein Mädchen“ als Sprechakt. Durch die Anrufung des sozialen Geschlechts gelangt das Mädchen in den Bereich von Sprache und Verwandtschaft und erfährt damit erstmals die normative Wirkkraft sprachlicher Zuschreibungen und eine erste „Naturalisierung“ seiner Geschlechtszugehörigkeit.

Doch wie fühlt es sich an, wenn man ein Wesen im Bauch hat, dass geschlechtslos bleiben könnte, zumindest bis zur Geburt?

Bevor ich selbst schwanger war, fand ich es eigenartig, wenn Eltern unbedingt das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes wissen wollten. Ich dachte, sollte ich einmal schwanger sein, antworte ich auf die Frage „Was wirds denn?“ – „Ein Mensch“.

Manchmal kommt das Leben anders und meine dekonstruktivistische Haltung gegenüber Geschlechterzuschreibungen wurden auf eine harte Probe gestellt. Ich konnte gar nicht gut damit umgehen, nicht zu wissen, welches Geschlecht das Kind in meinem Bauch hat. Dieser Mensch, der so nahe und doch so wenig greifbar ist, erschien mir ohne Geschlechtszuschreibung noch viel weiter weg. Bekommt das Kind schon vor der Geburt ein Geschlecht zugeschrieben, dann weiß ich, es ist eine Tochter oder ein Sohn, es ist eine Enkelin oder ein Enkel etc. Ich male mir in meinen Gedanken (so verwerflich ich das gleichzeitig finde) eine unterschiedliche Beziehung zwischen mir und ihm aus, oder auch unterschiedliche mögliche Lebenswege. Seit ich weiß welches Geschlecht das Kind wahrscheinlich haben wird, habe ich das Gefühl, ich kann mich ihm besser annähern.

Ich bewundere die Entscheidung des kanadischen Paares und würde es sehr begrüßen, wenn weitere Eltern diese Entscheidung treffen. Vielleicht wäre das dann auch für mich irgendwann vorstellbar.

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2 Gedanken zu “Was wirds denn? Zur Anrufung des sozialen Geschlechts

  1. Ich dachte, sollte ich einmal schwanger sein, antworte ich auf die Frage „Was wirds denn?“ – „Ein Mensch“.

    Das habe ich mir fürs „irgendwann mal schwanger sein“ auch vorgenommen 🙂
    Danke für deine Offenheit, das sich dieser Vorsatz auch als schwieriger als gedacht heraus stellen kann.

  2. einen beitrag zur dekonstruktion der geschlechtskategorien zu leisten finde ich top. das eigene kind dazu zu intrumentalisieren finde ich unreflektiert und (
    in anbetracht des umgebenden dualistischen geschlechtersystems) verantwortungslos.

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