Stillräume

Ist nicht die ganze Welt ein Stillraum? Darf und soll frau überall stillen? Und wenn ja, will sie das überhaupt?

Schon wieder einige sehr paradoxe Fragen. Noch immer beschäftigt mich das Thema Stillen. Diesmal hoffentlich zum letzten Mal.

Für mich ist das so: will ich in dieser Stillphase ein einigermaßen praktikables Leben führen und dabei auch regelmäßig das Haus verlassen, so muss ich mein Kind stillen, wann und wo es eben grad sein muss. Egal wo wir sind (bei den winterlichen Temperaturen der letzten Monate ist das ohnehin nicht so einfach) und wer uns dabei zusieht. Und das klingt jetzt einfacher als es für mich ist. Auch ich beobachte mich dabei, wie ich meinen Tag danach ausrichte, wann und wo ich das nächste Mal stillen kann, oder wie ich hoffe, dass mein Kind noch eine Weile durchhält, weil ich nicht unbedingt im Großraumabteil des Intercitys meine Brust auspacken will.

Doch soll nun die Gesellschaft dafür sorgen, dass ich mich nicht mehr unwohl fühle, indem sie mir ein Stillabteil im Zug zur Verfügung stellt oder soll ein gesellschaftlicher Wandel initiiert werden, der Stillen so gewöhnlich werden lässt wie Butterbrot essen?

Und dabei frage ich mich auch, wie es den Müttern geht, die ihren Babys in der Öffentlichkeit eine Flasche geben. Auch das stelle ich mir nicht einfach vor, in dieser extrem stillbefürwortenden Welt.

In letzter Zeit beobachte ich die Tendenz zur Schaffung von Stillräumen und ich weiß nicht was ich davon halten soll. In jedem Intercity gibt es ein sogenanntes Stillabteil und sogar in Einkaufszentren werden neuerdings Stillräume eingerichtet.

Ist das begrüßenswert oder eine komische Art von Separierung? Und wäre wenn, dann nicht unbedingt eine andere Bezeichnung als „Stillabteil/raum“ notwendig?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

Foto: feministmum

Stillraum in einem Wiener Einkaufzentrum

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10 Gedanken zu “Stillräume

  1. Die Tendenz zur Schaffung von Stillräumen ist mir, ehrlich gesagt, nicht aufgefallen. Ich wäre sehr froh um solche gewesen, weil ich in der Öffentlichkeit nur sehr ungern gestillt habe (die anonyme Öffentlichkeit war mir zT noch eher egal, aber im – männlichen – Freundeskreis wollte ich das nicht). Und dann das erwähnte Winterproblem … In der Theorie mag die Gesellschaft ja pro-Stillen sein – in der Praxis hat sich das für mich anders angefühlt. Auch wenn das paradox klingt, ich hätte mich durch separate Stillräume nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr als Mutter integriert gefühlt. Allerdings fände ich es natürlich auch problematisch, wenn Stillen sozusagen ganz dorthin verbannt wird.
    Das Flascherlgeben in der Öffentlichkeit ist für mich hingegen angenehmer – das Gefühl habe ich auch nicht selten für das jeweilige Gegenüber, bei dem dann das reflexhafte Extra-Wegschauen wegfällt (das möchte ich jetzt nicht werten, denn ich selbst tu mir da auch schwer).
    Hm … im Nachhinein denke ich, dass ich das Stillen vielleicht zu problembehaftet angegangen bin (Elisabeth Badinter geprägt) – insofern hätte mir mehr Präsenz von Stillenden in der Öffentlichkeit bestimmt gut getan … dass Stillen so gewöhnlich ist wie Butterbrot-essen, davon ist die Gesellschaft außerhalb von Eltern-Kind-Zentren noch weit weg.

  2. Ich bin für Still räume und öffentliches Stillen. Ich habe Pueppi ueberall gestillt wo wir waren und habe dabei nur sehr selten komische Blicke erfahren. Gleichzeitig hatte Pueppi aber ab ca. sechs Monaten keine Lust zum trinken, wenn irgendwelche Menschen in der Nähe waren, weil sie dann gucken musste. In solchen Momenten wäre ich dankbar gewesen für eine Rückzugs möglichkeit. Schwirigkeiten hatte ich mit dem öffentlichen nur die ersten zwei Wochen. Heute stillt Pueppi immer noch tagsüber,.aber jetzt ist sie eins, alle meine Freundinnen haben längst abgestillt, jetzt schsuen die Leute blöd, im, café… Ich habe oft das Gefühl, dass stillen nur in engen Grenzen akzeptiert oder gar positiv betrachtet wird.

  3. ich bin für rückzugsräume für stillende, die lieber in rückzugsräumen stillen wollen. keine ahnung, warum das bei mir anders war, aber mir selber war das stillen in der öffentlichkeit völlig wurscht, ich hab meine brust ausgepackt, wo’s uns gepasst hat. mit entsprechender kleidung sieht man ohnehin fast nichts und wenn jemand komisch schaut, reicht meistens komisches zurückstarren 🙂

  4. Ja, am schönsten ist natürlich beides: die Akzeptanz in der Öffentlichkeit und die Stillräume. Ich stell mir halt die Frage, die auch aufZehenspitzen anspricht: was, wenn irgendwann versucht wird, Stillen ganz in die Stillräume zu verbannen (was sicher nicht morgen passieren könnte, denn soviele Stillräume gibt es nun auch wieder nicht)? So nach dem Motto: „Könnten sie ihr Kind bitte im Stillraum stillen, wofür glauben sie gibt es den?“

  5. Hm, meine Kinder sind beide im Frühling geboren, ich bin tatsächlich trotz sechsmonatigen Vollstillens nie in Deine Situation gekommen – und ziemlich froh darüber. Ich habe mich dann immer mehr oder weniger diskret ins Grüne verzogen, war auch nett. Ich kann es bei Gott jeder Frau nachfühlen, wenn sie nicht gern in der Öffentlichkeit stillt. Allerdings fand ich es immer angenehm, wenn junge Mütter in meiner Gegenwart stillten (vor Freundinnen war ich auch selbst so frei), denn das beweist ein gewisses Vertrauen in die Situation und eine angenehme Selbstverständlichkeit der ganzen Sache.

  6. Das Foto ist übrigens strange: dass der Begriff „Stillraum“ mit einem Fläschchenpiktogramm kombiniert wird. Man könnte es ja auch integrierend Babyfütterraum nennen. Den Mut, eine Brust an die Tür malen, hatten sie da wohl nicht …

  7. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Körper(teile) und Kampagnen – die Blogschau

  8. Bis vor kurzem hab ich diese Diskussion vorwiegend in den USA beobachtet – und gehofft, das wäre für uns hier kein direkt relevantes Thema. Schön wär’s…

    Ich denke, es kann _eigentlich_ nicht Schaden, zusätzliche Optionen wie z.B. Stillräume zu haben. Aber was muss man tun, um zu verhindern, dass Stillen irgendwann nur noch da akzeptiert wird? Ist da jetzt schon Protest oder zumindest ein sachlicher Hinweis an die Betreiber angebracht, oder wartet man lieber, bis das Kind im Brunnen liegt?

    Normalerweise nutzen Konservative ja Naturargumentationen, um die Möglichkeiten moderner, emanzipierter (oft, aber nicht immer weiblicher) Menschen einzuschränken. Ausnahmsweise ist diese Argumentationslinie aber mal auf „unserer“ Seite. So zu argumentieren kommt mir zwar selbst etwas komisch vor, aber ich probiere es mal.

    Der natürliche Hauptzweck der weiblichen Brust ist nunmal das Stillen des Nachwuchses.

    Dass sie sich nebenbei auch für andere „Zeitvertreibe“ eignet ist ja ebenfalls wunderbar. Meiner Meinung nach kann eigentlich auch jede Frau für sich entscheiden, welchen Zweck sie ihren Körperteilen zuschreibt.

    Aber wenn Stillen in der Öffentlichkeit kritisiert oder gar verboten wird, dann doch sicherlich im Bezug drauf dass die Brust als Geschlechtsorgan eingestuft wird und als solches den gleichen Schamgrenzen wie andere Geschlechtsorgane untergeordnet werden soll. Solch eine Fremdbestimung durch die Gesellschaft gegen das eigene Empfinden der betreffenden Person und gleichzeitig gegen die sonst so hoch gehaltene Natur – das kann ja nichts gutes geben.

  9. Pro „überall Stillen“, hab das ausreichend selbst praktiziert – vorwiegend hier, lange in Australien, in Italien, in UK, in USA, in den Niederlanden, Österreich, …in Bussen, Zügen, Flugzeugen, etc. In den 4 Jahren bin ich nur einmal, und zwar in Dresden, darauf aufmerksam gemacht worden, dass ich doch bitte zum Stillen in den neu eingerichteten Stillraum gehen soll. Das war dann eine normale Toilette mit einem, wie oben abgebildet, Flaschenpiktogramm an der Tür. Auf so einen Stillraum kann ich wahrlich verzichten und das habe ich dann auch der Museumswächterin gesagt. Pöse, pöse Stillmutter.

    Doch im englisch sprechenden Ausland habe ich manche Stillräume gerne genutzt. Nicht so sehr wegen des Babys, sondern wegen den Geschwistern, denn in größeren Malls waren die Stillräume oft riesig. Neben großen Sesseln, gab es auch Spielecken für die größeren Kinder und Kaffee für die Mama.

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