Der Mann ist in Karenz – feministmum beobachtet sich selbst

Seit Anfang April ist der Mann in Karenz und das ist in erster Linie sehr, sehr gut! Ich kann wieder mehrere Stunden am Stück konzentriert arbeiten (das hängt ein bisschen von der Nacht davor ab, aber dennoch….). Ich werde nicht ständig unterbrochen – eine der größten Herausforderungen der letzten Monate und vermutlich des Elternseins überhaupt. Sehr gut beschrieben ist diese Daseinsform übrigens hier.

Doch neben all der Erleichterung, die diese neue Konstellation mit sich bringt, hat sie auch einige überraschende Empfindungen in mir ausgelöst.

Ich mache mir Sorgen. Nein, keine Sorgen um das Kind. Ich mache mir Sorgen um den Mann. Wird ihm das nicht zu langweilig werden? Den ganzen Tag mit einem Baby abhängen kann mitunter ziemlich fad sein. Wird ihm früher oder später die Decke auf dem Kopf fallen und wird er dann alles hinschmeißen? Und was dann?

Und ich bin dankbar. Ich habe das komische Gefühl, dass ich dem Mann dankbar sein muss, dafür dass er das macht. Ja, ich weiß, das ist totaler Blödsinn und dennoch kommt dieses Gefühl mitunter durch. Das hat schon in der Schwangerschaft begonnen, als ich gesagt habe: „Ich finde es super, dass du auch in Karenz gehen willst.“ und er geantwortet hat: „Ich finde es auch super, dass du auch in Karenz gehen willst.“ Schon damals wurde mir klar: Hier stimmt etwas nicht. Ich fühle mich in unterschiedlichem Ausmaß für das Kind zuständig und verantwortlich.

Und dennoch schreibe ich meine Empfindungen nicht einer gestörten Gefühlswelt zu. Ich denke sie entspringen einer Realität, in der es sich Männer aussuchen können. Sie können es sich aussuchen, ob sie ihren Part der Kinderbetreuung übernehmen wollen oder nicht und sie bekommen für jegliche Entscheidung gesellschaftlichen Rückenwind. Gehen sie nicht in Karenz, so ist es der Normalfall, der nicht kommentiert wird. Gehen sie doch in Karenz werden sie normalerweise von vielen Seiten gelobt und unterstützt.  (Ja, ich weiß, das trifft nicht so ganz auf die Arbeitswelt zu und es gibt auch Männer, die gemobbt werden, weil sie in Väterkarenz gehen wollen. Aber sprechen wir einmal von denen, die solche Erfahrungen nicht machen, und ich gehe davon aus, dass das die Mehrheit der Väter ist.)

Und natürlich stellt sich in dieser Hinsicht immer auch die Frage, wie es umgekehrt ist. Machen sich Väter Sorgen darüber, dass ihre Partner_innen die Kinderbetreuung hinschmeißen könnten? Dass ihnen langweilig wird und die Decke auf den Kopf fällt. Ich wage zu behaupten, dass der Mann sich keinen einzigen Tag lang mit solchen Fragen beschäftigt hat, als ich in den letzten Monaten das Kind geschaukelt habe.

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14 Gedanken zu “Der Mann ist in Karenz – feministmum beobachtet sich selbst

  1. hehe, mein mann macht sich sorgen das ich vor langeweile alles hinschmeißen könnte. aber er geht immer davon aus, das ich das kind dann mitnehme in mein neues spannenderes leben.

      • selten. meist denkt er nur an unsere beziehung. ich glaube es fällt ihm extrem schwer eine mutter zu denken, die das hauptberufliche muttersein hinschmeißt (wie den meisten, meine exmitbewohnerin hats gemacht und hat immer fassunglosigkeit ausgelöst). nur wenn ich so richtig genervt bin denkt er mal ich könnte ohne kind abhauen. aber es ist dann eben auch immer gleich abhauen nicht ins büro gehen…

  2. Hm. Mir geht es genauso. Aber viel mehr als dass ich mich so fühle ärgert mich, dass er sich einfach nicht im gleichen Maß verantwortlich für unser Kind fühlt wie ich.

  3. Ja.
    Aber seien wir realistisch: Zum jetzigen Zeitpunkt zählt jeder Tag, den jeder einzelne Vaterurlaubstag bringt dieses Modell näher an die Normalität, als es heute ist.
    Aber es kommt schon. Es braucht nur noch ein paar Jährchen Geduld. Für unsere Söhne wird es normal sein, in Elternschaftsurlaub zu gehen.

  4. Es gab einmal einen sehr großen Streit. Einen sehr sehr sehr großen. Und da kam mir der Gedanke, dass mir bislang nie der Gedanke gekommen ist, er könnte sich MIT dem Kind aus dem Staub machen. Oder ich OHNE. Es ist auch für mich fast denkunmöglich. Und dann war alles wieder gut. Aber dieser Gedanke ist geblieben. Und er rumort manchmal noch ein wenig in mir. Ich glaube, ihm ist dieser Gedanke noch nie gekommen.

    • ich mag es, wie du das beschreibst! und ja, auch ich denke manchmal daran, wie es wohl wäre, wenn wir uns trennen und das kind bleibt bei ihm. auch ohne streit kommt mir das hin und wieder in den sinn.

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  6. also für diesen Dialog: „Ich finde es super, dass du auch in Karenz gehen willst.” und er geantwortet hat: “Ich finde es auch super, dass du auch in Karenz gehen willst.”
    eine Runde Herzchen ❤ ❤ ❤
    🙂

    und ja, ich WEISS, dass eigentlich alle Männer mit genau dieser Antwort reagieren müssten, aber es ist halt leider noch ein bisschen die Ausnahme. Aber darum gehts ja auch irgendwie in dem Beitrag – dass wir uns noch über Dinge den Kopf machen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten bzw. uns unnötige Sorgen machen. Sich von überholten gesellschaftlichen Prägungen freizumachen ist wichtig, und zu erkennen dass man manche Denkmuster noch intus hat, ist der erste Schritt dazu.

  7. Für meinen Mann war es ganz selbstverständlich, dass zu machen. Ich habe ihn auch nie besonders viel gelobt, weil ich immer dachte „wieso, ich mache das ja auch“. Aber unsere Umwelt hat mich dann sehr schnell aus unserer Gleichberechtigungsblase gerissen. Mein Mann wurde immer gefragt, ob er sich denn was spannendes für die Elternzeit überlegt hätte. Ne Fortbildung, oder Russisch. Mich hat das keiner gefragt, obwohl ich sogar in der Elternzeit mein Studium beende. Aber wie das so läuft hat keinen interessiert. Dafür haben mich immer alle gefragt, ob mein Mann das mit dem Kind denn auch richtig macht. Als wenn wir nicht beide bei Null angefangen hätten.

  8. Schließe mich ubarto an. Fand ich auch toll, den Kommentar deines Mannes! Was ich ebenfalls noch einmal erwähnen will, ist die Aussage: „Als wenn wir nicht beide bei Null angefangen hätten.“
    Vielen Dank! Das denke ich mir auch immer! Als würden wir mit einem Super-Mutter-Instinkt auf die Welt kommen. Und selbst wenn das so wäre, hätten die Männer diesen Instinkt sicherlich auch. Die Geburt eines Kindes erzieht und sozialisiert die Eltern weiter. Derjenige, der mehr Zeit mit dem Kind verbringt, wird auch seine primäre Bezugsperson. Am Anfang ist es sicherlich die Mutter, wegen Stillen und so. Aber das bedeutet nicht, dass die Männer sich ihr Leben lang mit der Assistenzstelle begnügen müssen, wenn sie es nicht wollen.
    Aber deinen Gedanken über die eigenen Klischee geprägten Gedanken kenne ich auch nur zu gut! Und zu deiner Frage: ich glaube nicht, dass sich auch nur ein Mann solche Fragen stellt. Aber: Ich hoffe inständig, dass wir im Moment einfach in einer Umbruchzeit leben. Die Rollenverteilung muss sich erst wieder neu sortieren und das Gedankengut unserer Eltern und Großeltern wird nicht in ein paar Jahrzehnten aus unseren Köpfen verschwinden. Auf jeden Fall sind wir auf einem guten Weg!

  9. Pingback: Vom Kind auf die Straße getrieben | E-list

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