Ich nenne es Arbeit. Ein 24 Stunden Protokoll

Betreue ich das Kind mehr als 24 Stunden alleine, so habe ich jedes Mal das Gefühl, das ist die anstrengenste Aufgabe, die es gibt. Gleichzeitig frage ich mich, ob mir dieses Kleinkind (es ist ja nur eins, und überhaupt bin ich normalerweise mit Kinderbetreuung gar nicht überbelastet, da werde ich das doch zwischendurch mal auf die Reihe kriegen) wirklich so viel Energie abringt, oder ob ich einfach eine schwache  Person bin, die sich zudem zu leicht aus der Ruhe bringen lässt (ja, der „Mütter-Schaffen-Alles-mit-Links-Druck“ lässt grüßen).

Aus diesem Grund habe ich mir die Mühe (oder vielmehr die Freude) gemacht, einen dieser Tage zu protokollieren.

Ich nenne das Arbeit. Arbeit, ohne Wenn und Aber.

(Angeregt das zu veröffentlichen hat mich auch ein Text von „glücklich scheitern„, der sehr viele wichtige Punkte zu diesem Thema aufgreift!)

24 Stunden. Mein Kind (11 Monate) und ich.

00:00: Ich bin müde. Dennoch lasse ich mich vom Netz gefangen halten. Ich treibe herum. Noch einen Artikel lesen, ein letztes Mal auf Twitter schauen.

00:30: Ich liege im Bett. Das Kind wird mich früh wecken. Hoffentlich geben mir 6,5 Stunden Schlaf genug Energie für den nächsten Tag. Um 02:30 werde ich wach. Meine Tochter im Gitterbett neben mir weint. Ich warte ab, hoffe, dass sie von selbst wieder einschläft. Macht sie nicht. Also aufstehen, Fläschchen machen, sie füttern. Zehn Minuten später schlafen wir weiter. Bis 06:00. Sie ist wieder wach. Ich gebe ihr Wasser und sie schläft zum Glück noch einmal ein. Um 07:00 ist dann endgültig nicht mehr an Schlafen zu denken und ich hole sie zu mir ins Bett.

Sie ist ein Kind, das langsam wach wird und am Morgen gut gelaunt ist. Sie kugelt auf mir herum, spielt mit dem Wecker und alles was sie sonst so zwischen die Finger kriegt. Sie scherzt, zeigt mir die Zunge, grinst und lacht und ich bin ganz verzückt von ihr. Einerseits. Andererseits möchte ich einfach meine Ruhe haben und weiterschlafen.

07:30: Wir stehen auf. Erster Weg ins Bad. Das Kind wickeln und anziehen. Die Windel ist bestimmt übervoll. Einerseits. Andererseits würde ich mich gerne zuerst mal selbst anziehen, waschen, Kaffee trinken… Ich muss meine Energien bündeln. Sie jammert beim Anziehen, findet es blöd auf dem Wickeltisch zu liegen und in diese engen Ärmeln gestopft zu werden.

Jetzt ich. Anziehen, Kaffee kochen, Frühstück machen. Wir frühstücken gemeinsam. Ich versuche nebenbei die Zeitung zu lesen. Das funktioniert ganz gut, ich kann mich ein bisschen wegstehlen. Dann möchte sie raus aus dem Hochstuhl und ich lasse sie in der Küche herumkrabbeln. Am Boden findet sie Essensreste vom Vortag. Eine Weintraube dort, ein paar Brotkrümmel da. Sie steckt alles in den Mund. Ich versuche sie nicht aus den Augen zu verlieren, mich nicht in einen Artikel zu vertiefen. Sie räumt ihre Spielsachen aus und was sie sonst noch so zu fassen kriegt. Sie beschäftigt sich eine Weile selbst.

Das ist unser zweiter Tag zu zweit. In der Wohnung ist Chaos ausgebrochen. Das von ihr verursachte und das von mir verursachte.

Dann dieser Geruch. Sie hat in die Windel gemacht. Also wieder wickeln. Gezetter beim Ausziehen, der Geruch haut mich fast um. Ruhig bleiben. Ihr irgendetwas Spannendes, Ablenkendes in die Hände drücken. Sie sauber machen und dabei mit ihr sprechen. Noch einmal ausziehen. Nocheinmal anziehen. Es ist 08:30.

Ich dusche. Dabei lasse ich die Duschwand einen Spalt offen, damit ich das Kind nicht aus den Augen verliere. Sie findet das herunterprasselnde Wasser sehr spannend. Sie patscht mit ihren Händen in die Duschtasse, versucht reinzuklettern. Mein Zugang: erst eingreifen, wenn sie sich verletzen könnte. Ansonsten ruhig bleiben und weiter duschen. Ist ja nur Wasser. Mittlerweile ist sie ziemlich nass geworden. Ihre Haare sind total nass. Ihre Kleidung auch. Was solls. Es ist nicht kalt in der Wohnung. Ich ziehe mich an. Ich ziehe das Kind wieder aus und wieder an. Es ist 09:00.

Ich würde jetzt gerne meinen Tag beginnen. Den Computer hochfahren. Emails checken etc. Das Aufräumen links liegen lassen, das Kind nicht aus den Augen verlieren und sich gleichzeitig zumindest ein wenig in die digitale Welt stürzen.

Die Kleine wird bald hungrig werden. Beim Frühstück hat sie nicht viel gegessen. Es ist an der Zeit ihren Brei zu kochen. Äpfel schälen, kochen, Dinkelflocken einrühren. Da würde sie sehr gerne mitmachen. Sie hängt an meinem „Rockzipfel“ und hätte zu gerne das Messer. Damit sie sich etwas beruhigt mache ich ihr den Geschirrspüler auf und lasse sie etwas – naja – auf der Tür herumklettern. Das macht sie sehr zufrieden. Ich denke über Erziehung und nein sagen nach. Aber dafür ist es ja bestimmt noch zu früh.

Weiter im Programm. Kind füttern. Kind sauber machen. Boden, Tisch, Hochstuhl sauber machen auf später verschieben. Kinderwagen fürs Rausgehen vorbereiten. Das dauert eine gefühlte Stunde und fühlt sich an wie Packen für eine Reise. Die Kleine ist schon müde und quengelig und schlägt sich beim Herumkrabbeln dauernd den Kopf an.

Mittagsschlaf. Ich kann es kaum erwarten. Wenn sie schläft, dann werde ich…..Emails beantworten, das Geschenk für die Freundin verpacken, die Wohnung aufräumen. Telefonieren. Das wird schön.

11:00: Sie ist eingeschlafen. Ich sitze neben ihr und fange an diesen Text zu schreiben. Die Ruhe weilt nur kurz. Nach einer halben Stunde öffnet sie ihre Augen und freut sich mich zu sehen. Ich freue mich auch. Wirklich.

Ich füttere sie, drehe das Radio auf und wir tanzen eine Runde. Sie liebt das, ich auch. Ein schöner Moment.

12:00: Sie wird langsam unruhig in der Wohnung. Rausgehen hilft immer. Wir sind zum Essen verabredet, es ist aber eigentlich noch zu früh um aufzubrechen. Trotzdem, die restlichen Sachen, für alle Eventualitäten, an die Eltern eben denken müssen, im Kinderwagen verstauen, das Kind einpacken und los gehts.

13:00: Wir treffen K. Es gibt – ich bin heilfroh – einen Hochstuhl im Restaurant. Das verschafft mir etwas Freiraum. K. freut sich das Kind wiederzusehen. Es ist schön zu sehen, dass andere Menschen Freude an ihr haben. Ich bin ein bisschen gerührt. Hach.

Das Essen verläuft turbulent. Es ist nahezu unmöglich ein zusammenhänges Gespräch zu führen, wenn frau dazwischen versucht ein Kleinkind bei Laune zu halten. Heute möchte das Kind unbedingt aus meinem großen Glas trinken und zwar dauernd und nur daraus. Ich bin beeindruckt, wie stark sie solche Wünsche schon kommunizieren kann und neige dazu mich darauf einzulassen. Dann wird ihr das Sitzen zu langweilig, wir lassen sie am Boden herumkrabbeln und zum Glück unterstützt K. mich und läuft ihr auch immer wieder mal hinterher und holt sie zurück. Die anderen Menschen reagieren sehr positiv auf sie. Lächeln sie an, sie grinst zurück.

Ich bin so müde, es fällt mir schwer auf das Kind zu achten und K. zuzuhören. Ich denke gleichzeitig wie unhöflich das ist. Nach dem Essen gehen wir einkaufen und andere Besorgungen erledigen. Das Kind bleibt glücklicherweise ohne Jammern im Kinderwagen sitzen. Bis sie hungrig ist. Es ist weit und breit keine Parkbank in Sicht auf der ich sie füttern könnte. Also lasse ich sie im Kinderwagen und füttere sie im Stehen.

17:30: Wir sind zu Hause. Das Kind ist nun schon sehr müde und die für mich schwierigsten Stunden des Tages beginnen. Sie braucht meine ganze Aufmerksamkeit, ich habe aber nicht mehr die Energie mich so intensiv um sie zu kümmern. Ich versuche also immer wieder eine Weile mit ihr zu spielen, sie dazwischen zu wickeln, nebenbei Essen zu machen, zu lesen, aufs smartphone zu schielen,…. Sie kommt dauernd hergekrabbelt und möchte hochgehoben werden. Hebe ich sie hoch, krabbelt sie auf mir herum und bleibt keine Sekunde ruhig.

19:00: Ich bade sie, oder versuche es zumindest. Ein letztes Mal Aus- und Anziehen für diesen Tag. Sie steht in der Badewanne ständig auf, will immer in den Waschlappen beissen. Patscht ganz wild ins Wasser und kommt auch hier keine Sekunde zur Ruhe. Dann das übliche Gejammer beim Anziehen. Danach Flächschen geben und im Bett noch etwas kuscheln. Sie schläft alleine ein. Nein, heute nicht. Sie ist noch unruhig und ich muss noch 3-4 Mal zu ihr ins Zimmer gehen um sie zu beruhigen.

21:00: Das Kind schläft. Jetzt noch zumindest das Fläschchenen waschen, den Geschirrspüler einräumen, das große Spielzeugchaos etwas minimieren. All die andere Hausarbeit verschieben.

21:30: Feierabend (natürlich mit Bereitschaft, ein Ohr immer am Babyphone). Ich stricke und schaue Videos.

24:00: Auch dieser Tag geht zu Ende. Ich gehe schlafen.

RESÜMEE:

Ziel dieses Protokolls war es auch mir Gedanken darüber zu machen, wieviel Zeit von diesen 24 Stunden ich als Arbeit betrachte. Mein Nachdenken darüber ist nicht abgeschlossen. Zumindest 16 Stunden würde ich sagen, eher aber mehr. Wirklich frei hat mensch an so einem Tag nie. Denn auch im Schlaf ist ein Ohr beim Kind. In Erwerbsarbeitsverhältnissen wird das als Bereitschaftszeit bezeichnet. Ich würde mich freuen, wenn sich in den Kommentaren eine Diskussion darüber entwickelt.