Warum es den Begriff „Teilzeitfalle“ nicht geben soll

Jedes Mal wenn ich den Begriff „Teilzeitfalle“ höre, ärgere ich mich. Aber warum eigentlich?

  • Weil der Begriff „Teilzeitfalle“ suggeriert, dass eine Person wider besseren Wissens in eine Falle getappt ist. Er unterstellt, dass Frauen* nicht verstehen, dass weniger Einkommen irgendwann auch weniger Pension bedeuten wird. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das eine erhebliche Anzahl an Menschen noch nicht verstanden hat.
  • Weil der Begriff „Teilzeitfalle“ wie eine Anrufung ausschließlich an Frauen* gerichtet wird („die Teilzeit ist weiblich“ ist eine weitere beliebte Floskel) und dabei aber nicht angesprochen wird, worüber meiner Ansicht nach gesprochen werden muss. Zum Beispiel darüber, dass wir Arbeitszeitverkürzung für alle fordern sollten und nicht Anpassung an das männliche Vollzeiterwerbsideal für alle. Oder darüber, dass Frauen*, die sich angeblich in der „Teilzeitfalle“ befinden, tatsächlich viel mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten, der unbezahlte Teil ihrer Arbeitsstunden sich aber weder auf ihr Einkommen, noch auf ihre Pensionsversicherungsbeiträge auswirkt.
  • Weil für mich das Propagieren der „Teilzeitfalle“ eine weitere Strategie ist, Frauen* für ihre prekären Erwerbsarbeitslagen selbst verantwortlich zu machen. So nach dem Motto: Wenn ihr euch später darüber aufregt, dass ihr so wenig Pension bekommt, dann können wir euch zumindest daran erinnern, dass wir euch vor der „Teilzeitfalle“ gewarnt haben.

Ärgert ihr euch auch über den Begriff „Teilzeitfalle“? Wenn ja, warum?

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16 Gedanken zu “Warum es den Begriff „Teilzeitfalle“ nicht geben soll

  1. Ich ärgere mich da überhaupt nicht. Ich stimme allerdings den Argumenten voll zu. Teilzeit darf keine Falle werden und ich kann mir auch nur wenige Jobs vorstellen, die tatsächlich Vollzeit erfordern. Selbst im gehobenen Management könnte man sich die Arbeit locker teilen. Scheint ja genug zu tun zu geben…
    Allerdings würde es mir im Traum nicht einfallen, weniger zu arbeiten als mein Mann. Auf die Idee käme ich aus Prinzip nicht – egal wie viele Kinder man hat.
    Wenn beide reduzieren wollen finde ich das super. Wenn Frauen ihr Erwerbsarbeits-Pensum freiwillig als einzige reduzieren, ohne den Partner in die gleiche Pflicht zu nehmen, fällt mir auch nichts Gescheites dazu ein.
    Doch eigentlich schon, aber das wären durchaus eher verurteilende Argumente. Darum spare ich sie mir lieber.
    Und das mit dem Geld? Nun, bei vielen Paaren mag zwar ein gewisses Gefälle da sein, aber so groß ist das meist heute nicht mehr, dass es eine einseitige Einschränkung rechtfertigt.
    Es dürfte sich ja nun unter Frauen herum gesprochen haben, dass weniger Pension zu Problemen führen kann. Und dass weniger Verdienst zu finanzieller Abhängigkeit führen kann.
    Für mich ist das eher ein Paar/Beziehungs-Problem, als ein Problem der Arbeitswelt. Denn wenn die gleichberechtigte Nachfrage nach Teilzeit-Arbeit da wäre, hätten die Arbeitgeber einen guten Grund derartige Konzepte anzubieten. Auch zur Erwerbsarbeit gehören immer zwei.
    Ich fand in dieser Hinsicht den Post von Mama Mia irgendwie bezeichnend:
    http://mamamia-babyblog.blogspot.de/2013/04/elternzeit-fur-meinen-mann.html

    • Wenn ich Deinen Kommentar so lese, dann habe ich den Eindruck, dass Du entweder den Text nicht sorgfälltig gelesen, oder der erste Absatz war ein Lippenbekenntnis. Seit wann orientieren sich Arbeitgeber/innen denn an den Bedürfnissen der Arbeitnehmer/innen? Grad in Wirtschafts/Euro/Bankenkrisenzeiten wird doch jede Gelegenheit genutzt den Arbeitnehmer/innen Angst zu machen und sie unter Druck zu setzten mobil und flexibel FÜR den Arbeitsplatz zu sein bis die Schwarte kracht.
      Sicher gibt es immer Situationen in denen Frauen oder eben Paaren vieles möglich ist: aber dann sollte man dankbar für seine priviligierte Situation sein: statt auf alle, die es anders machen als man selbst mit dem Finger zu zeigen und laut SELBST SCHULD zu brüllen! Ich finde die Verantwortung wurde lang genug von oben nach unten verteilt. (Aber gut, wenn man oben ist, dann ist das eine schön bequeme Regelung)

      • Falsch, ich bin gaaanz unten in der Hierarchie. Aber ICH entscheide, was ich tue, wo ich es tue und wie weit ich mich dafür verbiege es jemandem recht zu machen.
        Es gibt Länder, ich denen z.B. Elternzeit nach der Geburt zu gleichen Teilen auf Mann und Frau verteilt werden muss, damit man einen Anspruch hat. Dort mussten sich Arbeitgeber anpassen – und es geht schon. Wenn also wesentlich mehr Männer Teilzeit einfordern würden, müssten die Strukturen flexibler werden. Zwar nicht von jetzt auf gleich, aber ein Umdenken wäre unumgänglich. Und die Menschen werden immer besser ausgebildet.
        Es ist ein Fehler zu glauben, man darf sich nicht gegen die Meinung alleinherrschender Chefs wehren. Klar kann man gekündigt werden, aber vielleicht ist es das Risiko wert?
        Generell finde ich tatsächlich, dass jeder die Verantwortung für sich selber tragen muss. Und dazu gehört, dass man seine eigenen Grenzen kennen lernt und respektiert. Sonst respektieren sie die Mitmenschen auch nicht.

    • Ärgerlich finde ich so eine Gleichmacherei. Für mich und meinen Mann macht es keinen Sinn, dass wir beide die Arbeitszeiten reduzieren. Wir haben für uns den Weg gefunden, dass ich auf 30 Stunden reduziere und ich die Elternzeit mache und das ist für uns genau das richtige Modell! In dem von dir zitierten Artikel wünsche ich mir, dass mein Mann die Vätermonate nutzt, um eine Familienauszeit zu nehmen, wie es so viele Paare machen. Das ist aber eine reine Spassveranstaltung und bringt mich (und andere Frauen) nicht früher in den Job zurück. Ich bin grundsätzlich absolut der Meinung, dass wir nach wie vor verkrustete Rollenmodelle leben und dass wir das ändern müssen. Aber wir müssen auch jeder Familie und jedem Paar zugestehen, für sich die individuell richtige Lösung zu wählen. Und das kann auch mal so aussehen, dass die Kinderbetreuung von der Frau erledigt wird.
      LG Mia

      • Sagt jemand, der in einer sehr privilegierten Position ist. Wenn ihr als Paar Pensionseinbussen auffangen könnt, dass ist das eine feine Sache. Nur ist das noch lange nicht die Regel. Liegt vielleicht aber auch daran, dass ich aus dem klassischen Arbeitermilieu komme.
        Und ja, ich finde definitiv, dass Elternzeit Frauen schadet und Männern nicht, denen vielleicht sogar nutzt. Denn der Satz sagt alles ‚Und das kann auch mal so aussehen, dass die Kinderbetreuung von der Frau erledigt wird.‘
        Das ‚auch mal‘ sind wie viele? 90%?
        Elternzeit hat im Übrigen nichts mit Teilzeit zu tun. Es geht ja um die ca. 15 Jahre nach der Elternzeit. Die machen die Pension von Frauen klein…

      • Das stimmt, unsere Situation ist privilegiert. Aber auch in einer Situation, die nicht der Mehrheit der Deutschen entspricht, muss ein Paar Lösungen finden und oft genug muss ich mich mit meinem Mann neu finden und organisieren. Mein Leben als Karrierefrau hat sich doch stark gewandelt, als der Sohn geboren wurde. Trotzdem ist für uns die Aufteilung so wie sie ist gut. Der Satz, dass die richtige Lösung für ein Paar auch mal so aussehen kann, dass die Frau die Kinderbetreuung übernimmt, ist natürlich so gemeint, dass nicht immer 50/50 die allein heilbringende Lösung ist, sondern dass es eben für manche Paare richtig ist, wenn die Frau zurücksteckt. Das muss man auch mal sagen dürfen. Ich sehe ja trotzdem die Lage der Mütter und bin auch selbst davon betroffen, aber eben in einer anderen Färbung.
        Herzliche Grüsse
        Mia

  2. Der Begriff Teilzeitfalle steht offensichtlich dafür, Teilzeit als Manko anzusehen. Das ist m.E, falsch. Als Arbeitsvermittler hinterfrage ich die Motive für Teilzeit und bezeichne das mögliche Zeitfenster pragmatisch als „Muttizeiten“ (natürlich immer nur wenn es es um Frauen geht). Das Motiv für Teilzeit ist, um es einfach mal schnöde zu sagen, die Liebe zum Kind. Man will möglichst viel Zeit mit dem Kind verbringen. Dafür mache ich immer Mut und lobe gleichzeitig für die Aufnahme der teilzeitarbeit. Technisch überlagert wird das alles von den meist knappen Öffnungszeiten der Kindertagesstätten. Teilzeit wird in meinen Erfahrungen immer als Tribut an die Liebe zum Kind verstanden. Und das ist vollkommen in Ordnung. Liebevolle Eltern schaffen einen Mehrwert, der m.E. sich auch in Geld und mehr Anerkennung ausdrücken müsste. Dummerweise weckt das Begehrlichkeiten bei einer Klientel, die weniger Liebe in die Kindererziehung steckt. Also ist es politisch brisant und IMMER ungerecht..

    Die Gesellschaft mit weniger Arbeit zu bestrafen, weil ein verantwortungsvoller Kreis nur Teilzeit arbeiten kann, wäre Zwangsbeglückung. Eine Lösung wäre, die Kindereinrichtungen so flexibel zu gestalten, dass jegliche Arbeitszeit zwischen 07:00 und 19:00 Uhr durch die Eltern abgedeckt werden könnte. Als Beleg müsste eine Bestätigung des Arbeitgebers reichen dürfen.

    Hier, in der Höhle des Feminismus muss ich leider von den wiederholten Erfahrungen mit männlichen Bewerbern erzählen, die sich vorbildlich ganz der Familie widmeten. Diese wurden nach einiger Zeit von den Frauen unter Druck gesetzt oder gar verlassen, da der Status als fürsorgender Vater sich unmerklich in den eines Loosertypen wandelte. Grober Undank trifft diese Männer m.E. härter, als die Mütter, die zu Gunsten der Kinder kürzer treten. Ich hoffe, dass mein Respekt vor teilzeitarbeitenden Eltern deutlich wurde.

    Teilzeitfalle ist ein schlechter Begriff

    • Äh, und wer Vollzeit arbeitet liebt sein Kind – was? – weniger? Ja danke, dass ist genau die Weltanschauung, die Frauen dank eingeredetem schlechten Gewissens in die Teilzeitfalle tappen lässt. Es lebe die Wahlfreiheit! Darum stimm ich dem Absatz mit der Kinderbetreuung auch zu.

      • Nein, wer mit Kind Vollzeit arbeitet, kann genauso liebevoll sein, wie jemand, der ganztags für das Kind da ist. Das sollte jeder nach seiner Facon halten können, ohne jeweils stigmatisiert zu werden. Deshalb ist Teilzeit m.E. keine Falle und die Richtung m.E. falsch, alle zu kürzeren Arbeitzeiten zu verdonnern, nur weil es manche als Falle empfinden.

        Ich rede hier einfach mal als Neutrum mit, da ich viele Motive für Arbeitszeiten arbeitsbedingt in meiner Praxis erfahre.

  3. Über den Begriff ärgere ich mich nicht, sondern über die Tatsache, dass sie, die Teilzeitfalle, da ist. Es bedeutet ja auch nicht, dass Menschen unwissend in diese Falle laufen, sondern viele wissen schon, was das bedeutet, sehen aber keine Alternative.

  4. Es gibt ja auch durchaus Menschen, die egal ob mit Kind oder ohne, gerne und freiwillig in Teilzeit arbeiten. Zum einen hat nicht jede/r den Wunsch nach einer „Karriere“, (wobei es schon strukturell scheiße ist, dass Karrierewunsch und Teilzeit bisher zumindest nicht zusammen gehen) und außerdem gibt es auch Leute, die Jobs haben, die in Vollzeit nicht zum Aushalten wären. Ich habe auch schon vor meinen Kindern viel in Teilzeit gearbeitet, das Geld hat gereicht für meine Ansprüche und es blieb genug Zeit für ein schönes und erfülltes Privatleben. Das möchte ich eigentlich nicht missen, die Vorstellung, Vollzeit zu arbeiten (müssen) und dann noch Kinder und alles zu versorgen – hallo? wo bleibe denn da ich selbst? Ich bin mir schon ein bisschen freie Zeit wert, solange es wie gesagt finanziell leistbar ist. Dafür spare ich dann gerne an anderen Stellen etwas. Ich halte Teilzeit für alle für ein Supermodell! Zeit zu haben ist so ein Geschenk und Arbeit ist für mich eher ein Mittel zum Zweck.

  5. Pingback: Ich = junge Mutter | aufZehenspitzen

  6. Es ist einfach ärgerlich, dass sich im Wesentlichen nichts ändert: die Frauen stecken zurück, reduzieren freiwillig ihre beruflichen Perspektiven und nennen das die „individuell richtige Lösung“. Ich schaue auf einen Spielplatz, da sitzen 10 Mütter und beobachten ihre Kids, ab und an ist auch EIN Vater zu sehen, meist Freitags.
    So hab ich mir das 21.Jhdt nicht vorgestellt, so nach 50 Jahren Feminismus…

  7. Der Begriff „Falle“ passt für mich ganz gut. Nicht, weil ich wider besseren Wissens hineingetappt bin, sondern weil ich, obwohl ich im vorhinein alles versucht habe, der Falle auszuweichen, nun doch rein zu geraten drohe. Ich fühle, wie die Falle zuschnappt, wie sie meine Handlungsmöglichkeiten reduziert, wie ich zwischen Kinderbetreuung und Versorgerehe eingeklemmt bin und nicht weiß, wie ich da rauskommen soll. Natürlich stellt die Gesellschaft diese Falle auf, pflegt sie, schaut wahrscheinlich jeden Tag nach, wieviele Frauen sie eingefangen hat und lacht hämisch. Später beschimpft sie dann die Altern, weil sie von dem kleinen Lohn nicht genug auf die Seite gelegt haben. Es ist ein strukturelles Problem, das wir zum Thema machen müssen. Den Begriff können wir offensiv nutzen. Wer profitiert von der Falle? Wer stellt sie auf? Und sollten wir besser keine Kinder kriegen? …

  8. Ich verstehe sowohl Deine Kritik am Begriff als auch die kritischen Kommentare. Vielen Dank für diese interessanten Einblicke. Arbeitszeitverkürzung für alle unterschreibe ich auf jeden Fall. Interessant ist das vileleicht auch im Zusammenhang mit dem Unabhängigen Grundeinkommen, aber das ist wohl noch in ganz, ganz weiter Ferne…

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