Stillen und gleichberechtigte Elternschaft

Die Frage, wie sich Stillen und gleichberechtigte Elternschaft beeinflussen, beschäftigt mich schon lange. Seit fünf Monaten stille ich nun mein zweites Kind. Daraus ergibt sich, dass ich (fast immer) rund um die Uhr für es da bin. Ich bin für das Baby ganz fest mit dem sehr zentralen Bedürfnis der Nahrungsaufnahme verbunden und hinzu kommt, dass für mein Baby und auch für mich mit dem Stillen noch weitere emotionale Bedürfnisse, wie Beruhigung, Einschlafen, Unbekanntes verarbeiten etc. verbunden sind.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass es mir wichtig ist, mit dem Vater meiner beiden Kinder unsere Version einer gleichberechtigten Elternschaft zu leben. Dazu gehört für mich auch, zumindest in meiner Idealvorstellung, dass wir beide gleichberechtigte Bezugspersonen für die Kinder sind. Und es beschäftigt mich sehr, dass wir das besser leben könnten, wenn auch er von Anfang an die Kinder ernähren könnte.

Bezugspersonen

Es gibt die Theorie, dass ein Kind eine erste und wichtigste Bezugsperson hat (und dass das nicht zwei oder mehrere sein können). Und es gibt die gesellschaftliche Erwartungshaltung und auch den Druck auf Mütter, dass sie diese erste Bezugsperson zu sein haben.

Bevor ich selbst Kinder hatte, habe ich mir immer gedacht, bei mir soll es einmal so sein, dass die Kinder an den Vater genauso gebunden sind, wie an mich. Dass der Vater alle Bedürfnisse der Kinder genauso gut abdecken kann, wie ich als Mutter. Dass unsere Kinder eben zwei, oder idealerweise noch mehrere, erste Bezugspersonen haben.

Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass Menschen gute Bezugspersonen sind, unabhängig von dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht oder der biologischen Verwandtschaft mit dem Kind. Ich bin auch nach wie vor davon überzeugt, dass Kinder zwei (oder auch mehrere) gleichberechtigte erste Bezugspersonen haben können. Ich zweifle aber etwas daran, ob das auch möglich ist, wenn ein Elternteil das Baby in den ersten Lebensmonaten stillt – und – so wie es in unserem Gesellschaftssystem kaum anders zu organisieren ist – das Stillen mitbewirkt, dass die stillende Person die ersten Monate bei dem Baby „zuhause“ bleibt, während die andere Person außer Haus erwerbsarbeitet.

Aufteilung von Betreuungs- und Care-Arbeit

Wir haben es bei beiden Kindern so organisiert, dass ich die erste Hälfte der Elternkarenzzeit genommen habe und mein Partner die zweite. Hinsichtlich der Aufteilung von Care-Arbeit übernimmt mein Partner im Moment mehr als ich, auch vor dem Hintergrund, dass ich mit dem Stillen zusätzlich ausgelastet bin. Schon in den ersten Lebenstagen unseres Kindes haben wir beobachtet, dass Papa immer für das unangenehme Wickeln (unserem Baby hat das anfangs gar nicht gefallen) und die unsichtbare Hintergrundarbeit zuständig ist und Mama für das wohlige, warme Stillen und Kuscheln.

Ich will aber lieber Mama

Unser erstes Kind hat uns in vielen Phasen immer wieder zu verstehen gegeben, dass ich die bevorzugte Bezugsperson für manche Lebenssituationen bin. Das war und ist für meinen Partner kränkend und verletzend und für mich manchmal sehr einengend. Das Thema „Ich will aber lieber Mama“ wurde in Wahrheit erst weniger, seit das Geschwisterkind bei uns ist und ich gerade in den ersten Wochen intensiv mit dem Baby beschäftigt war und nach wie vor bin.

Nicht Stillen wäre besser?

Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, warum das so ist und sind immer wieder (auch) beim Stillen gelandet. Wir haben auch öfters darüber diskutiert ob es nicht besser wäre, für unsere Vorstellung wie wir Familie leben wollen, wenn ein zweites Kind nicht gestillt werden würde. Und ich fände es auch sehr spannend zu sehen, ob sich diese Bezugspersonengeschichte dann tatsächlich anders entwickelt hätte.

Nun stille ich doch wieder. Weil es für mich auch viele positive Aspekte hat. Weil es gut klappt und uns auch gut tut.

Auch wenn ich merke, dass sich die Sache mit den ersten Bezugspersonen etwas relativiert, wenn die Kinder größer werden, zumindest scheint es bei uns so zu sein, und es wohl nicht das restliche Leben so bleiben wird, dass Mama die Nummer eins ist, würde mich interessieren ob ihr auch diesen Zusammenhang mit dem Stillen beobachtet oder ob es womöglich anderswo ganz anders läuft?

Wie ging es euch mit der Verbindung von Stillen und gleichberechtigter Elternschaft? Ich würde mich über Austausch freuen.

Beitragsbild (c) duncan c via flickr cc by 2.0

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15 Gedanken zu “Stillen und gleichberechtigte Elternschaft

  1. Ich finde die oben beschriebene Sichtweise komplett falsch, weil sie die herrschende Meinung sehr polarisiert widerspiegelt: Stillen ODER Flasche. Warum denkt NIE jemand darüber nach, beides so zu verbinden, wie’s grad in der jeweiligen Situation geschickt ist? Das ist nämlich problemlos möglich. Und zwar ohne großen Aufwand. Davon liest man so gut wie nie und das finde ich zum Kotzen, auch bei den feministischen Blogs, die ich eigentlich schätze. Und warum wird diese Möglichkeit beides zu Kombinieren so kategorisch ausgeschlossen? Warum wird nicht darüber informiert, wie man das am einfachsten hinbekommt? Ok, da könnte ich mal einen Post schreiben, denn ich mach das von Anfang an so und es löst alle viel diskutierten Probleme. Ich frage mich nur immer: WO IST DAS PROBLEM?

    • naja, ich würde meinen, dass jede für sich selbst entscheiden kann. und man wird ja tatsächlich andauernd gewarnt, dass die kombination stillen und flasche nicht niemals nie klappt. stichwort: saugverwirrung. kenne ich auch aus vielen so erzählungen. es gibt vielleicht auch deswegen wenige eltern, die das so handhaben!? keine ahnung. für mich war die kombination auch die beste lösung und wir hatten damit keine probleme. damit war ich schon nach zwei wochen abends wieder unabhängig, was mir sehr wichtig war, und der vater gleichberechtigt in die essens/versorgungsfrage eingebunden (ich glaube allerdings, dass die gute intensive erstbeziehung zwischen kind und vater in unserem fall eher durch dessen betreuung in der nacht zustande gekommen war. weil das kind leider schlecht geschlafen hat und viel getragen werden musste. bevorzugter beruhigungs- und tröstungspart war dann auch lange bzw ist immer wieder phasenweise tendenziell der vater mehr als ich.).

      • Ah spannend! Bei uns ist es ja leider/zum Glück so, dass das Baby nach kurzem stillen immer sofort wieder weiter schläft, bringt also auch in der Nacht mehr Mamanähe mit sich. Naja auch in der Nacht sind natürlich Fläschchen eine Option.

      • Ja, das sehe ich ein bisschen anders. Klar kann offiziell zwischen Brust und Flasche wählen. Aber es ist eben keine gute Wahl, weil es eine massive Einschränkung gibt. Die Wahl ist künstlich so dargestellt, weil man mit der Kombi aus beidem gar nicht wählen müsste, sondern eben kombinieren könnte. Im Grunde gibt es gar keine Wahl, das wird nur so verkauft, damit jemand recht und ein anderer unrecht hat. Es ist ein Machtspielchen, die Kombinationsmöglichkeiten zu verschweigen. Noch schlimmer finde ich es dabei einfach ein paar oberflächliche Begriffe wie Saugverwirrung, zu zitieren, ohne sie zu hinterfragen. Wenn du doch auch Brust und Flasche kombiniert hast, dann WEIßT du doch, wie’s geht und das es geht. Wäre es da nicht sinnvoll, andere an deinen Erfahrungen zumindest als Denkanstoß teilhaben zu lassen?

        Und ich hatte dann doch das Gefühl, dass die Einschränkung bei so einem Thema, das so weitreichende Konsequenzen hat, wie die Babyernährung (in Bezug auf Rollenverteilung, Elternzeitaufteilung, Gehaltsentwicklung bis hin zur Rente), durchaus das Potential hätte Feministinnen auf den Plan zu rufen.

    • Ich finde wir können schwer miteinander ins Gespräch kommen und uns austauschen, wenn du gleich eingangs meine Sichtweise als falsch bezeichnest.
      Dabei ja, wichtiger Punkt, die Verbindung von Stillen und Flasche habe ich tatsächlich hier zu sehr ausgespart, obwohl ich mich selbst schon geärgert, dass das immer so sich ausschließend dargestellt wird.
      Ich traue (ja tatsächlich trauen) mich das zwar jetzt beim zweiten Kind auch öfters und habe nicht mehr solche (mir eingetrichterte) Bedenken, aber es 1:1 zu kombinieren kann ich mir eigentlich auch nur vorstellen, wenn jeder Tag ungefähr gleich ablaufen würde. Bzw. müsste ich dann wohl auch Flasche und stillen kombinieren, also nicht nur Flasche, wenn ich nicht da bin. Für die Abende, die ich weggehen will, ist es aber natürlich sehr erleichternd und ich weiß diese Freiheit sehr zu schätzen.
      Abgesehen davon finde ich es auch legitim sich Gedanken über gleichberechtigte Elternschaft zu machen, wenn eine voll stillen möchte.

      • ja. fand ich auch so eine leider/zum glück-situation. Wenig Schlaf war grauenvoll, aber ich hab mich getröstet, dass es vielleicht wenigstens dann in Sachen Bezugsperson einen Vorteil bringt. Aber eben, wie gesagt, was dann wirklich den Ausschlag gab, ist halt schwer nachzuvollziehen. Und schon gar unmöglich als Patentrezept zu verkaufen. Insofern denke ich schon, dass es gut und sehr wichtig ist, zu jeder individuellen Situation die Frage zu stellen, wie Gleichberechtigung dann und dann funktionieren kann.

      • Ich verstehe, was du meinst, aber ich finde es geradezu ein Unding, dass Wahlmöglichkeit in diesem Fall prinzipiell so dargestellt würde, als gäbe es nur schwarz und weiß und nicht 1000 Graustufen, die jeden Freiheitslevel ermöglichen würden. Das ist tatsächlich rein faktisch falsch. Und noch hahnebüchener finde ich es, wenn dann auch noch die wichtige Frage nach Aufteilung der Care-Arbeit gestellt wird.
        Und leider finde ich eben auch erschreckend, dass offensichtlich keinerlei wirkliche Information eingeholt wurde, wie man Flasche und Brust kombinieren kann. Das ist leider ein Post, der hauptsächlich aussagt ‚ich hab mich gar nicht mit dem Thema in der Praxis auseinander gesetzt, aber ich mach mir mal über die Theorie für die Rollenaufteilung Gedanken.‘
        Das kann man so machen, es ist nur irgendwie singbefreit, weil man dann nur erkennt: Oh, ein Dilemma. Aber weiter geht der Gedankengang dann nicht. Differenziert ist anders. Tut mir leid, das so sagen zu müssen. Ich nicht mein Blog und ist ok, aber ist nunmal nicht differenziert. Und das ist schade, weil man hier normalerweise auch andere Posts zu lesen bekommt…

  2. Ja, es ist nun mal so, dass nur die Frau stillen kann (es sei denn man würde dem Mann ein Brusternährungsset mit abgepumpter Milch umhängen, aber wer wollte das schon!?)… Die intensivste Stillzeit dauert vielleicht ein Jahr, danach rückt das Stillen zusehends in den Hintergrund. Ein Vater kann vielleicht nicht stillen, aber er kann das Baby (im Tuch) tragen, er kann es baden, pflegen, wickeln, da sein. Das allein ist schon wichtig. Hätte auch der Vater Elternzeit, er könnte das Baby nach dem Stillen immer übernehmen. Ein Familienbett ist auch hilfreich, so ist der Vater auch nachts „präsent“.
    Abgesehen davon, kann ich nur sagen: wozu diese Sorgen und Gedanken? Kinder sind rund 16-20 Jahre oder mehr zuhause. Bei uns waren es etwa 3-4 Jahre und dann begann meine Tochter (2. Kind, beim Sohn war es wohl etwas eher, ich weiss es nicht mehr), ganz von allein, sich auch dem Vater von sich aus zuzuwenden, mit ihm zu kuscheln, mit ihm einkaufen zu fahren, neben ihm sitzen zu wollen beim Essen etc. Auch in meiner Erinnerung habe ich damals als Tochter eine innigere Beziehung zu meinem (nicht stillenden, voll arbeitenden) Vater entwickelt, d.h. ich habe mich eher ihm anvertraut als meiner Mama obwohl ich natürlich auch zu meiner Mutter ein gutes Verhältnis hatte, nur eben auch viele Auseinandersetzungen – Wärme erzeugt Reibung?

    Ja, meine Tochter war 3-4 Jahre lang ein ausgesprochenes „Mama-Kind“, wenn man das mal so sagen kann, was auch logisch war, da ich immer da war. Vermutlich wäre es anders gewesen, wenn ich voll gearbeitet hätte. Übrigens hätte mein Mann in diesem Fall mir das Kind jeweils zum Stillen bringen können. Arbeit und Stillen schliesst sich ja nicht ganz aus, oder man pumpt ab und stillt zuhause wieder, auch das kann gut funktionieren. Es muss nicht zwangsläufig zur Saugverwirrung kommen. Aber für mich wäre das kein Thema gewesen, ich trug das Kind nicht 40 Wochen im Bauch um im dann nicht nahe zu sein und es bei mir zu haben. Und einen Vaterschaftsurlaub gab und gibt es hier nicht (2 Wochen konnte er sich jeweils frei nehmen), ich wäre die erste gewesen, die das unterstützt hätte, wobei ich schon auch verstehe, dass mein Mann darüber gar nicht so begeistert gewesen wäre, er sagte immer, er könne „mehr mit den Kindern anfangen wenn sie grösser sind“. Und so ist es auch geworden. Wir sind heute sehr gleichberechtigte Eltern und wenn die Kinder jemanden von uns bevorzugen, dann situativ denn unser Verhalten hat natürlich auch Einfluss auf die Beziehung zum Kind und manchmal verhält sich eben einer unangemessen… also wie „schlimm“ ist es wirklich wenn die erste Zeit über das Kind eben auf nur eine Person fixiert ist? Es muss ja jede Familie für sich entscheiden, wer das sein soll, ob die Frau stillen will oder nicht, wer anfangs zuhause bleibt, wer nicht… ich kann nur raten, dass man darüber in der Schwangerschaft redet, dass man sich informiert, mit anderen Eltern spricht etc. und in sich hinein horcht. Ein Baby ist ja kein Projekt im Leben, sondern eine Herzensangelegenheit und nur einer kann die Mutter sein und das Kind nähren, das lässt sich nun mal nicht aufteilen, zumindest die erste Zeit nicht. Aber wie gesagt, diese Zeit geht sehr schnell vorbei und dann ist der Vater immer noch da und kann seine Beziehung intensivieren. Diese Chance geht nicht einfach verloren nur weil er nicht gestillt hat…

    • „Ja, es ist nun mal so, dass nur die Frau stillen kann“ – Nein, denn ich glaub, Transfrauen sind hier nicht mitgemeint. Stillen können sie aber auch und prinzipiell auch Männer. Weil das aber nicht ohne Nachhilfe klappt, macht es keiner. Auch wenn Still-Nachhilfe für Cisfrauen völlig ok oder gar gefordert ist.

  3. Ich verstehe sehr gut, dass dich das beschäftigt. Geht mir auch so, wenn ich daran denke wie es bei einem möglichen dritten Kind wäre. Ich bin sehr fürs Stillen, fühlte mich bei beiden Kindern dadurch aber auch immer wieder sehr eingeschränkt. Beim Stillen selbst haben wir ers mit einem Jahr eine Lösung gefunden, dann bekam der zweite die Flasche zusätzlich. Die Große habe ich ein halbes Jahr gestillt, sie bekam aber sehr rasch die Flasche dazu. Da war ich viel freier. Trotzdem habe ich beim zweiten eineinhalb Jahre gestillt, ein Jahr davon ohne Flasche. Bei einem möglichen dritten würde ich es ev so machen, dass ich ein halbes Jahr voll stillen würde u dann beginnen würde regelmäßig weg zu sein u mein Mann würde in der Zeit versuchen dem Baby langsam de Flasche näher zu bringen (sowas kann ja dauern) aber ich das fühlt sich in Moment schlüssig an. Beim zweiten hab ich mir übrigens bald Mal Pausen verschafft (Essen gegangen mit Freundin etc.) und in der Zeit hat mein Mann den Kleinen im Tuch gehabt. Ich hab immer Muttemilch da gelassen, die hat er aber nie getrunken.

  4. Bei unserem ersten Kind habe ich eine Kombination aus Flasche und Stillen versucht. Leider hatte ich sehr wenig Infos und kaum Unterstützung. Eventuell ist das Projekt unter anderem deswegen gescheitert. Falls eine_r mehr Infos zu dem Thema hat, gerne verlinken! Mit 7 Wochen wollte mein erstes Kind nur noch die Flasche, Stillen war ihm zu anstrengend und meine Milch wurde auch stetig geringer. Mein Mann hat sich immer mehr um ihn gekümmert als ich. Heute ist er ein ganz klares Papa-Kind.
    Mein zweites und stille ich voll. Da er erst 6 Monate alt ist, kann ich noch nicht sagen, wozu er tendiert. Er lässt sich von beiden beruhigen und schläft auch bei beiden in der Trage ein.
    Ich denke, dass sich das Kind die Person aussucht, mit der es die wichtigsten Momente verbringt (z.B. nachts, Krankheit, schöne Erlebnisse, Essen). Das muss meiner Meinung nach nicht vom Stillen abhängen. Ich denke, ein Baby ist so entwicklungsfähig, dass sich eine starke Beziehung auch nach der Stillzeit entwickeln kann.

  5. Danke für den Artikel! Mich beschäftigt das Thema gerade auch sehr, da bald mein erstes Kind zur Welt kommt und ich mir überlege, wie wir gleichberechtigte Eltern sein können. Für mich hängt das auch zentral mit dem Stillen zusammen. Von den Hebammen habe ich bisher aber leider immer nur gehört: Saugverwirrung! Besser nur eins anbieten. Über Hinweise, Erfahrungsberichte, Empfehlungen zur Kombination aus Stillen und Flasche würde ich mich sehr freuen!

  6. Spannend, danke für die Gedanken zum Thema :-).

    Ich habe mein erstes Kind anderthalb Jahre gestillt (und hätte auch länger, aber es hat sich in der Folgeschwangerschaft abgestillt) und bin weit vor Beikoststart wieder in den Beruf eingestiegen, so dass ich mich ziemlich gut mit dem Thema Milch abpumpen aufbewahren und transportieren auskenne. Informationen zum auftauen und verfüttern der Milch kann ausschließlich der Vater der Kinder weitergeben, dazu weiß ich weniger ;-).
    Das zweite Baby ist jetzt auch schon drei Monate alt und ich hatte bereits ein paar Arbeitstage, die ebenfalls mit Flasche und abpumpen funktioniert haben. Aufgrund der Saugverwirrungsgefahr und wegen eines schwierigen Stillstarts bei Nr 1 hab ich jeweils erst nach 8 Wochen abgepumpt (vorher soll man Milch auch nicht bevorraten, da sie sich im Wochenbett noch stark verändert). Ich bin auch im ersten Lebensjahr meines großen Kindes abends unterwegs gewesen etc.. Wenig – der Vater allerdings zb gar nicht.

    Stillen und Bindung:
    Das große Kind versucht gerade immer beim Papa zu „stillen“ wenn ich stille. Ja, es gibt Momente, da muss es nur die Mama sein. Aber gerade direkt nach der Geburt des Babys wurde uns auch klar, dass ICH mich eben selbst als Bindungsperson Nr 1 sehe und dadurch die Interaktion mit meinem Kind gestalte. Der Papa bringt es ins Bett. Das funktioniert ganz unkompliziert, wenn ich nicht dem Kind ein Abschiedsritual zukommen lasse, von dem ich denke, dass es das braucht (mein Kind winkt und man ist verabschiedet. Größere Dinge braucht es nicht). Das hat es dem Kind dann sehr schwer gemacht, sich von mir zu trenen. Das war mein schlechtes Gewissen, jetzt meinem Kind zu fehlen. Ohne dieses Ritual schlüpft das Kind „Nacht“ rufend ins Bett und ich bin abgemeldet.

    In der Theorie heißt es, dass Bindung entsteht durch feinfühlige Eltern, die schnell und richtig auf die Bedürfnisse des Babys reagieren. Das kann auch ein (cis-)Mann – mit Flasche (Inhalt irrelevant), Tragetuch, kuscheln, Aufmerksamkeit fürs Baby in den Spielphasen etc..

    Bestimmt spielt auch der Charakter rein. Das Großkind hier ist per se recht unabhängig und noch dazu auch seit dem ersten Geburtstag fremdbetreut. Aber Ich würde das stillen in Bezug auf Bindung nicht überbewerten sondern eher die generelle Kommunikation und Interaktion der Eltern mit dem Kind.

  7. Vielen Dank, feministmum, für Deinen schönen Artikel.
    Auch ich beschäftige mich nach wie vor viel mit diesem Thema, obwohl auch mein zweites Kind bereits seit knapp einem halben Jahr abgestillt ist.
    Warum:
    Mein Mann und ich führen eine gleichberechtigte Beziehung. Das war von Anfang an so und hat sich auch mit Kindern nicht geändert; ohne, dass wir das groß diskutieren mussten. Mein Mann ist im Grunde sogar der größere Feminist als ich es bin, einfach, weil es seinem Gerechtigkeitsempfinden entspricht und er manchmal reflektierter Zusammenhänge beobachtet als ich.
    Als ich während (!!!) meiner ersten Schwangerschaft ein großartiges Angebot an einer großen Deutschen Bühne erhielt, das ich kaum ausschlagen konnte und wollte, beschlossen wir, dass er 12 Monate Elternzeit nehmen würde. Es bot sich eigentlich ohnehin an, weil er in einem gesicherten Arbeitsverhältnis steckt und ich als Selbstständige immer prekär arbeite. Darauf wären wir aber ohne das Angebot vermutlich gar nicht gekommen, weil ja die Mutter für Kinder so wichtig blabla. Nach 8 Wochen Mutterschutz bezogen wir zu dritt eine Theaterwohnung. Meine Frauenärztin unterstütze unser Vorhaben und verschrieb mir von Anfang an eine elektrische Milchpumpe. Das macht sie immer für berufstätige Mütter. Für die Krankenkasse muss sie dann lügen und eine Brustentzündung vorgeben(!). Es gibt wahrlich nichts unromantischeres, als Milch abzupumpen, aber da wir es von Anfang an geübt haben und auch mein Mann schon ab Woche 1 immer wieder mit der Flasch kam, hat unser Kind beides akzeptiert, Brust und Flasche. Das ist absolut nicht selbstverständlich. Wir hatten Glück, dass es – klar, nach einigen Schwierigkeiten – schliesslich geklappt hat. Ich war auch heilfroh, nicht nur wegen der Arbeit, Verschnaufpausen und der „Freiheit“ bzw. Entlastung. Freiheit war mir zu der Zeit ehrlich gesagt ohnehin scheissegal. Ich war vollkommen k.o. von einer grauenhaften Geburt. Da es Probleme mit der Plazenta gab, musste ich noch 3 mal operiert werden. (Aber: „Geniessen S’es. Ist die schönste Zeit in Ihrem Leben“, wie sich ja Passanten nicht verkneifen können einem ungefragt hinterherzurufen.) Mein Mann war für das Kind eine absolut gleichwertige Bezugsperson. Unser erstes Kind wir jetzt 5. Noch heute ist auffällig, wie verbunden die beiden miteinander sind.
    Ich hingegen muss immer wieder mit einem schlechten Gewissen kämpfen, vielleicht nicht genug gegeben zu haben (ich habe mich völlig verausgabt), vielleicht zu früh wieder gearbeitet zu haben, dem Kind vielleicht zu viel zugemutet zu haben, Schuld an der Unruhe/ Anspannung des Kindes zu sein (O-Ton Familienberatung). Alles Vorwürfe, die ich mir mit den Jahren immer wieder reinziehen musste. Und obwohl mein Mann und ich uns einig sind, dass das absoluter Rotz ist, merke ich, wie es sich immer tiefer in mich eingräbt. Ich muss ganz aktiv gegen das immer wieder aufkommende schlechte Gewissen ankämpfen. So kam ich vor einiger Zeit zu diesem und anderen Blogs. Jetzt will ich aktiv werden und das ewige schlechte Gewissen in mir und in dieser Gesellschaft bekämpfen. Denn ich habe festgestellt, dass es eigentlich keine Mutter ohne schlechtes Gewissen gibt. Ganz egal, ob sie stillt oder nicht, arbeitet oder nicht, sich an ganz feste Strukturen hält oder eben nicht etc.
    Aber wie kämpft man gegen ein schlechtes Gewissen, dass durch das Universum wabert?
    Zu propagieren, dass Mütter so wie ich ihre Milch abpumpen sollen, um dem Dilemma Stillen oder Flasche zu entrinnen, wird es kaum sein. Eine Freundin von mir hat eine schwere Krankheit. Es ist ein Wunder, dass sie ein Kind zur Welt bringen konnte. Ab dem Tag der Geburt musste sie sofort wieder mit den starken Medikamenten begingen. Könnt ihr Euch den Schmerz vorstellen, den es verursacht, die überquillende Milch aus den schmerzenden Brüsten unter der Dusche auszustreichen, während das Kind daneben in der Wiege liegt und schreit wie verrückt, weil es die Milch riecht und will? Welche Erlösung, wenn dann endlich keine mehr kommt! Stattdessen kommt dann die Stillpropaganda, die gutgemeinten Ratschläge und die vorwurfsvollen Blicke.
    Unser zweites Kind kam dann mit Komplikationen zur Welt und lag erstmal auf der Intensivstation. Hatte ich mir vorher Sorgen wegen des zu kurz kommendem Bondings gemacht? Jetzt wurde das Kind aleine(!) im Rettungswagen in ein anderes Krankenhaus gebracht und ich habe es erst nach zwei Tagen zum ersten mal berühren können. Das arme Kind kann sich ja jetzt schon mal auf die Warteliste der Verkacktes-Bonding-Therapeuten setzen lassen. Sorgen wegen des Bondings und ähnlicher Ersteweltproblemen haben wir uns angesichts der Lebensbedrohung dann komischerweise gar nicht mehr gemacht. Ernährt wurde sie intravenös mit Zuckerlösung (also noch gesünder als Muttermilch Haha!) während ich wiedermal Bekanntschaft mit der Melkmaschine machen durfte. Die Anfangsprobleme mit der Brust, die das Kind dann natürlich nicht mehr wollte waren grauenhaft. Eine Flasche haben wir erst nach vielen, vielen Versuchen und Wochen andrehen können. Auch das Abstillen war äußerst kompliziert, weil das Kind sich (verständlicherweise?) dagegen sträubte und eine gleichberechtigte Elternschaft extrem erschwerte.
    Ich werde mich daher hüten, irgendwem irgendwelche Vorschläge zu machen wie es besser oder gar am besten geht. Meine Mission lautet: Es ist o.k.! ALLES ist o.k.! Genau wie wir Diversität brauchen, brauchen wir diverse Möglichkeiten mit diesen so dermaßen verklärten und beschönigten Anforderung der Kinderpflege umzugehen.

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