Mit Baby im Bauch

Montag morgen. Ich wache auf mit einem Baby im Bauch das Schluckauf hat. Strahlend blauer Himmel, es ist der erste Tag meines Mutterschutzes. Die letzten Wochen der Schwangerschaft sind gekommen.
Das große Kind in den Kindergarten bringen, heute früher weil ich gleich einen Termin bei meiner Gynäkologin habe.
Mutterkindpassuntersuchung. Ich weiß auch bei dieser Schwangerschaft nicht was ich von dem gelben Pass halten soll. Das Wappen und das “Republik Österreich“ vorne drauf sind schon sehr absurd.
imageIch vertraue meiner Gynäkologin. Das ist das wichtigste. Anders als beim ersten Mal fühle ich mich auch nicht so kontrolliert und überwacht. Ich habe mehr das Gefühl, dass ich in der Lage bin meine eigenen Entscheidungen zu treffen.
So auch die Entscheidung diesmal zur Geburt nicht ins Krankenhaus zu gehen (wenn es anders geht). Meine Vorstellung, dass in jedem Krankenhaus, mit jeder gerade diensthabenden Hebamme, eine selbstbestimmte Geburt möglich sein müsste, hat sich bei meiner ersten Geburt leider nicht bewahrheitet. Also Geburtshaus und Wahlhebamme. Fühlt sich gut an und ich freue mich darauf. Wir sind in der privilegierten Lage, die rund 1500 Euro die das kostet (inkl. der Hebammenbetreuung ist das der Teil, den die Kasse nicht übernimmt) dafür zahlen zu können. Selbstbestimmung ist (auch) eine Frage der finanziellen Mittel. Österreich 2016.

Es sind jetzt noch ca. acht Wochen bis zum errechneten Geburtstermin, in denen ich nicht erwerbsarbeiten muss. Ich kann meine Freiheit kaum fassen, auch wenn mir das Loslassen vom Job nicht leicht gefallen ist. Ich kann endlich mal wieder in den Tag hineinleben und habe Zeit für so spannende Dinge wie zum Beispiel das Anhören dieses Vortrags von Andrea O’Reilly in dem sie darlegt, warum Mütter* ihrer Meinung nach eine eigene feministische Bewegung und Theorie brauchen. (Ist das so? Spannende Ansatzpunkte jedenfalls.)

Über die Geburt schreiben?

Ich bin Mutter geworden. Deshalb tut sich hier seit einigen Wochen nichts. Nicht nur weil ich nicht zum Bloggen gekommen bin, sondern auch, weil ich erst darüber nachdenken musste, wie ich hier weitertun soll.

Soll ich hier über die Geburt schreiben oder nicht?

Ja, ich soll oder vielmehr ich möchte. Eine Geburt (im Krankenhaus) ist schließlich nicht nur ein privates, intimes Ereignis sondern auch eine politische Angelegenheit und genau darüber möchte ich hier schreiben.

Es hat sich viel verändert in den Abläufen im Kreißsaal in den letzten Jahrzehnten. Die Hebammen haben wieder mehr Kompetenzen und Verantwortung bekommen und die Räumlichkeiten und Gebärmöglichkeiten wurden vermehrt nach den Bedürfnissen der Frauen gestaltet.

Dennoch stellen viele Frauen in Frage, ob es möglich ist eine selbstbestimmte Geburt in einem (österreichischen) Krankenhaus zu erleben.

Auch ich war und bin skeptisch und genau aus diesem Grund finde ich es wichtig, dass wir über Geburten reden und uns austauschen und unsere Forderungen kundtun, damit sich in den Kreißsäälen auch weiterhin einiges ändert.

Bei der Geburt meines Kindes ist einiges sehr positiv verlaufen und einiges eher negativ. Das eher Negative lag meiner Ansicht nach in den Strukturen des Krankenhauses begründet, die noch immer dazu beitragen, dass sehr viel von dem jeweiligen Zugang der handelnden Personen (Hebammen und ÄrztInnen) abhängt.

Nach der ersten Untersuchung im Krankenhaus wollte die Hebamme den Mann wieder nach Hause schicken, weil „sich da heute sowieso nichts mehr tut“ und er ja sonst das Familienzimmer zahlen müsse. Außerdem machte sie sich Gedanken, ob er denn nichts mehr zu arbeiten hätte. Wir entschieden, dass er bleibt, was sie zum Glück akzeptierte.

Eine Stunde später war die Geburt in vollem Gange. Die Hebamme war offensichtlich von der „neueren“ Schule und stellte sich auf meine Bedürfnisse ein. Sie hatte nichts dagegen (wie sollte sie auch), dass ich die ganze Zeit stehen wollte und sie reduzierte die „Überwachung“ (Herztöne etc.) auf ein Minimum.

Wir befanden uns in einem „Kreißsaal“, der im Grunde wie ein stinknormales Krankenzimmer aussah. Es gab also ein Bett und Punkt. Keine Badewanne, Sprossenwand, Gebärhocker, Seile von der Decke oder was sonst noch zur Entspannung beitragen könnte. Das wurde uns bei der Krankenhausbesichtigung etwas anders präsentiert.

Nach einigen Stunden gab es einen Hebammenwechsel. Die „Neue“ bestand als erstes darauf, dass ich mich hinlege, „sie könne sonst nicht arbeiten“. Ich hatte keine Kraft mehr um mit ihr darüber zu diskutieren und gab schließlich nach. Ich legte mich hin, die Wehen wurden schwächer und eine Ärztin wurde geholt um mir ein wehenförderndes Hormon zu geben. Bei dieser Hebamme wurden wir nicht mehr über den Geburtsverlauf informiert und in die Entscheidungen eingebunden. Sie tuschelte irgendetwas mit der Ärztin, ich hatte den Einruck, dass Entscheidungen hinter meinem Rücken getroffen werden, was sich während einer Geburt nicht gut anfühlt und sicher nicht zum positiven Verlauf beiträgt. Zum Glück war eine halbe Stunde später unser Kind bereits geboren und alles war in Ordnung.

Wann immer die Rede von selbstbestimmtem Gebären ist, kommt die Sprache auf die Hausgeburt als einzige Garantie in dieser Hinsicht. Selbstbestimmtes Gebären sollte aber auch in unseren Krankenhäusern möglich sein. Aus meinen Erfahrungen fordere ich deshalb:

– das Krankenhaus sollte Standards garantieren, die ich nicht während der Geburt mit der Hebamme diskutieren muss. Dazu sollten neben medizinischen Standards auch „menschliche Standards“ gehören wie: ich bestimme selbst, in welcher Position ich die Wehen am besten aushalte.

–  es sollte nicht nur einen „Herzeigekreißsaal“ mit allem möglichem Schnick-Schnack geben, sondern alle Kreißsääle eines Krankenhauses sollten zeitgemäß eingerichtet sein.

– die Kommunikation zwischen Hebamme und Gebärenden sollte an erster Stelle stehen. Die Hebamme sollte keine Entscheidungen treffen, ohne die Gebärende einzubinden (unglaublich, dass das nicht selbstverständlich ist).

– alle Menschen, die den Kreißsaal betreten, sollten sagen wer sie sind, warum sie gekommen sind und was sie hier tun. Eine Geburt ist eine intime Angelegenheit und im Kreißsaal sollte kein Kommen und Gehen herrschen.

Und damit die positiven Dinge nicht wie so häufig aufgrund all der Kritik keinen Platz haben:

– die Geburt ist sehr gut verlaufen. Wir drei haben alles gut überstanden und hatten vor Glück und Erleichterung gar keine Energie irgendetwas im Krankenhaus direkt zu kritisieren

– nach der Geburt wurden wir völlig in Ruhe gelassen. Das Kind wurde weder untersucht,  noch gebadet, sondern mir einfach auf den Bauch gelegt und wir konnten uns zwei Stunden lang erstmal in Ruhe kennen lernen.

– danach verbrachten wir drei wunderschöne Tage mit liebevoller Betreuung und Rundumversorgung im Familienzimmer, eine wirkliche tolle Sache, für die das Krankenhaus auch großes Lob verdient hat.